Brauchen Mamas wirklich Wein?

Brauchen Mamas wirklich Wein?

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Workout mit Wein statt Hanteln

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wieviel eine Flasche Wein wiegt? Das Gewicht einer leeren Glasflasche mit einem Fassungsvermögen von 0,75 l bewegt sich – je nach Dicke zum Beispiel des Glasbodens – zwischen 400 und 700 Gramm. Rechnet man den Inhalt mit 750 Gramm sowie Korken und Etikett hinzu, kommt man auf ein Gesamtgewicht von bis zu fast 1,5 Kilogramm.

Dies entspricht ziemlich genau dem, was handelsübliche Gymnastik- oder Aerobic-Hanteln wiegen. Was spricht somit dagegen, bei einem Workout die Hanteln durch Weinflaschen zu ersetzen? Diese Frage hat sich wohl auch der auf Präsente rund um‘s Thema Wein spezialisierte Onlinehandel „Weinliebling“ gestellt. Seine in der Tat originelle Antwort auf diese Frage: das Angebot eines 42-minütigen Wein-Workouts als Last-Minute-Geschenk für Winelover. Dazu gibt es zwei Flaschen Wein und eine Geschenkkarte mit dem Spruch: „Sport gibt Dir das Gefühl, besser auszusehen, Wein übrigens auch.“ Untersetzer mit Aufdrucken, wie zum Beispiel „1 Glas Wein pro Tag ist nicht nur sehr gesund, sondern auch sehr wenig“, ergänzen das Angebot.

Nur für Weinliebhaber*innen mit Humor?

Es wäre ein leichtes, diese Art von Weinkonsum-Animation nun in der „Luft zu zerreißen“. Denn rein medizinisch betrachtet entbehrt eine Aussage wie die oben genannte jeglicher Grundlage. „Noch immer kursiert der Mythos, ein Glas Rotwein am Tag sei gut fürs Herz. Doch neuere Studien haben diesen längst widerlegt.“ So ist es auf der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betriebenen Webseite „Alkohol? – Kenn Dein Limit.“ nachzulesen. Dort steht ebenfalls ganz klar, dass Alkohol – egal in welcher Form – ein Zellgift und auch in kleinen Mengen nachweislich ungesund sei.

Doch mit einer solchen Kritik, mag sie auch noch so fundiert sein, würde man im vorliegenden Kontext in eine Falle tappen. Denn Angebote wie die von „Weinliebling“ richten sich ausdrücklich an Weinliebhaber*innen mit HUMOR. Mit dieser selbstironischen Note wird ein Trend aufgegriffen, der sich zum Beispiel unter Hashtags wie #winemom oder #momneedswine seit einigen Jahren in sozialen Netzwerken rasant verbreitet.

Allein auf Instagram finden sich unter dem erstgenannten Hashtag #winemom fast 92.000 Beiträge. Die allermeisten davon kommen aus dem angelsächsischen Sprachraum. Doch der kritische Widerhall, den diese Bewegung in Medien, wie „stern“, „Die Zeit“, „Die süddeutsche Zeitung“ oder „Der Spiegel“ gefunden hat, zeigt, dass es im deutschen Sprachraum fleißige Nachahmer*innen gibt. Hierfür spricht auch das deutsche Pendant #mamabrauchtwein oder eben das bereits oben beschriebene Angebot von „Weinliebling“, welches zum Beispiel T-Shirts mit dem Aufdruck „Mama braucht Wein“ enthält. Ich selbst bin übrigens durch einen Artikel auf das Thema aufmerksam geworden, der Mitte Oktober im MAGAZIN des Kölner Stadt-Anzeiger unter der Überschrift veröffentlicht wurde: „Mit dem Wein habe ich das Gefühl, endlich etwas für mich zu tun“.

Mitreißende Leichtigkeit des Seins

Beschwingt lächelnde Frauen, die in unterschiedlichsten Situationen ein Glas Wein in der Hand halten – die Bildsprache der oben angeführten Hashtags versprüht eine geradezu mitreißende Leichtigkeit des Seins. Insofern kann ich es absolut nachvollziehen, dass dies in Krisenzeiten besonders verfängt. Der im Zuge von Anti-Coronamaßnahmen verordnete „Hausarrest“ ganzer Familien hat Mütter besonders gefordert. Anschließend blieb keine Atempause. Denn der unmittelbar anschließende Ukrainekonflikt schürt neue Ängste – auch bei Kindern – und belastet Mütter wiederum. Nun gehen wir in einen Winter, ohne zu wissen, ob die Energieversorgung ein durchgängiges Heizen ermöglicht. Was liegt da näher, als sich abends auf dem Sofa in eine kuschelige Decke einzuhüllen und ein leckeres Glas Wein zu gönnen? Zumal dies nicht nur sehr schnell entspannt, sondern auch von innen – zumindest kurzfristig – erwärmt.

Wo hört Humor auf und wo fängt Verharmlosung an?

Doch jemandem wie mir, der dieser Anziehung einmal so erlegen ist, dass es für ihn selbst zum massiven Problem wurde, sei hierzu ein kritisches Wort erlaubt. Weingenuss mit Humor – gut und schön, doch wo hört der Humor auf und wo fängt die Verharmlosung fester Trinkrituale mit Suchtpotenzial an? Diese Frage muss man stellen dürfen. Denn die Verharmlosung von Trinkgewohnheiten hat in der Genusskultur westlicher Länder durchaus System. Auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit steht nicht umsonst: „In der Gesellschaft herrscht eine weit verbreitete unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor.“

Und ein paar Zeilen darüber: „7,9 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Ein problematischer Alkoholkonsum liegt bei etwa 9 Millionen Personen dieser Altersgruppe vor (ESA 2021).“ [Erklärung zu ESA: Mit dem Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) wird seit den 1980er Jahren in regelmäßigen Zeitabständen der Konsum von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen sowie Medikamenten in der Allgemeinbevölkerung Deutschlands erfasst. Im Vordergrund steht dabei die Beobachtung von Trends des Substanzkonsums und seiner Folgen.]

„Self care“ ohne Alkohol nicht möglich?

Von daher stelle ich mir als weitere Frage: Ist der Blickwinkel unserer Gesellschaft bereits so verengt, dass wir uns „self care“ ohne Alkohol nicht mehr vorstellen können? Könnten diese kleinen täglichen Auszeiten und Momente für uns nicht ebenso bedeuten: eine Passage aus einem guten Buch lesen, mit der besten Freundin oder dem besten Freund per WhatsApp Neuigkeiten austauschen, Entspannungsübungen machen, Meditieren, per Youtube oder Spotify die Lieblingsmusik hören und dazu vielleicht auch den Tagesfrust von der Seele tanzen, ein paar lustige TikTok-Videos schauen, einen Riegel Schokolade mit besonders genussvoller Achtsamkeit essen oder einfach nur die Augen schließen und Träumen nachhängen?

Nach wie vor halte ich es dabei für vertretbar, ab und zu auch schon mal ein Glas Wein zu trinken – aber eben nur ab und zu, vielleicht zu besonderen Anlässen. Aber tägliche Trinkrituale sind gefährlich. Denn nicht nur die Menge macht das Gift, auch die Häufigkeit. Genau auf diese Weise können sich zwanghafte Strukturen etablieren, die dann irgendwann in eine Suchterkrankung münden.

Vom Ritual zur Sucht – keine hypothetische Schwarzmalerei

Wenn man regelmäßig für eine Suchtklinik schreibt, weiß man, dass dies keine hypothetische Schwarzmalerei darstellt, sondern eine real existierende Auswirkung festgefahrener Trinkgewohnheiten ist. Dabei muss ich noch nicht einmal zur privaten Suchtklinik Lifespring in Bad Münstereifel schauen. In meinem Umfeld fallen mir spontan erschreckend viele Menschen ein, die viel zu viel und viel zu regelmäßig trinken. Da zählt man den Wein schon längst nicht mehr nach Gläsern, sondern nach Flaschen. Ich habe dabei Bilder im Kopf von glasigen Augen, entstellten Gesichtszügen, verwaschener Sprache und exaltiert überzogener Fröhlichkeit. Sorry, aber bei aller Sympathie für Humor, wenn ich so etwas miterleben muss, vergeht mir mittlerweile das Lachen.

Schach der Verharmlosungskultur – mehr Mut zur Selbstehrlichkeit

Dennoch breche ich weder über solche Menschen noch über trinkende Mütter den Stab. Das wäre unangebracht selbstgerecht. Denn schließlich war ich auch mal so. Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen und seine Gründe dafür, warum er sich so verhält. Entschieden entgegentreten möchte ich aber der weit verbreiteten Verharmlosungskultur in Sachen Alkohol. Statt auf lustige Art zum Alkoholkonsum zu animieren, sollten wir lieber Werbung machen für mehr Ehrlichkeit im Umgang mit uns selbst. Ehrlichkeit zu sich selbst leistet einen viel nachhaltigeren Beitrag zur self care, als der tägliche Genuss von Wein. Denn Ehrlichkeit zu sich selbst kann erste wichtige Anstöße zu längst überfälligen Veränderungen vermitteln, so zum Beispiel zur Veränderung eigener Trinkgewohnheiten.

Ohne diese Ehrlichkeit würde kein Mensch den Weg in eine Suchtklinik finden. Im günstigsten Fall fängt man mit dieser Ehrlichkeit allerdings so früh an, dass man die Hilfe einer Suchtklinik erst gar nicht in Anspruch nehmen muss. In diesem Sinn wünsche ich allen Mamas dieser Welt, dass sie auch ohne eine zwanghafte Tages-Ration Wein ehrlich entspannende Atempausen erleben können.

Über den Autor
Autor Frank Frank
Im Sommer 2018 bin ich von Lifespring mit der Redaktion dieses Blogs betraut worden und der Autor dieses Beitrags. Mein Name ist Frank. Seit vielen Jahren arbeite ich als freier Redakteur, Texter und Lektor. Auch ich habe eine „Suchtkarriere“ durchlebt. Bei mir war es der Alkohol. Seit 7 Jahren bin ich abstinent. Ich will hier nicht den häufig bemühten Himmel-Hölle-Vergleich bemühen. Denn beim Durchleiden meiner Sucht war nicht alles Hölle. Und jetzt, im Zustand der „Enthaltsamkeit“, ist nicht nur der Himmel auf Erden. Trotzdem war der Ausstieg aus einem alkoholschwangeren Leben die beste Entscheidung, die ich in jüngerer Zeit getroffen habe. Ich habe meine Freiheit und einen überwiegend klaren Kopf zurückgewonnen – auch wenn das Weltgeschehen mit nüchternem und enteuphorisiertem Blick nicht immer leicht zu ertragen ist. In diesem Blog möchte ich unter anderem über aktuelle Themen aus der Suchtforschung, aus dem Klinikalltag von Lifespring sowie aus den behandelten Suchtindikationen berichten. Ganz besonders möchte ich aber eins: Sie, als Betroffene oder Betroffenen, und Ihre unter Umständen ebenfalls betroffenen Angehörigen, genau da „abholen“, wo Sie der Schuh beziehungsweise die Sucht drückt.
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