In Wuerde Altern
Juni 2026

Der Alkohol und die Würde im Alter

Riskanter Alkoholkonsum im Alter verzeichnet eine bedenkliche Zunahme. Deshalb wird hier die viel zu selten gestellte Frage aufgeworfen: Wie gelingt es, in Würde zu altern – und welche Rolle spielt Alkohol dabei? Dabei verbindet der folgende Artikel persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Beobachtungen und philosophische Würdebegriffe von Kant, Schiller und Peter Bieri. Er zeigt, wie Alkohol im Alter Selbstbestimmung und innere Freiheit bedroht – und warum Nüchternheit ein zentraler Baustein würdevollen Alterns ist. Ein Plädoyer für Selbstachtung, Klarheit und ein „herrlich nüchternes“ Leben im Alter.

Wie gelingt es, in Würde zu altern?

Es gibt Menschen, die sind immer für eine Überraschung gut. Nehmen wir zum Beispiel Hella von Sinnen. Jahrzehntelang habe ich sie mit ihrer lauten Schrillheit als Epigone einer zunehmend auf plakative Effekte abzielenden TV-Unterhaltung wahrgenommen. Dass es dabei auch zu grenzüberschreitenden Peinlichkeiten kam, mag Berufsrisiko sein. Allerdings nährt sich dieser Eindruck nicht nur aus ihren öffentlichen Auftritten.

So erinnere ich mich an ein Abendessen im „Dionysos“ irgendwann in den 80er Jahren. Der Grieche war seinerzeit ein beliebter Szene-Treff im Kölner Studentenviertel und lag vis-à-vis vom „Theater in der Filmdose“, Hella von Sinnens damaliger Wirkungsstätte. Insofern konnte man der Komödiantin dort häufiger beim Aftershow-Speisen im Kollegenkreis sowie mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Cornelia Scheel zusehen. An jenem Abend blieb es allerdings nicht nur beim Speisen. Denn Hella von Sinnen nutzte die Gelegenheit, um mit ihrer Partnerin leidenschaftliche Küsse zu tauschen. Es wurde schnell klar, dass dies auch ein gesellschaftspolitisches Statement sein sollte: „Seht her, wir sind lesbisch, und das ist absolut okay so!“

Vielleicht musste man in der damaligen Zeit auf diese Art für sexuelle Toleranz werben. Einen besonders würdigen Eindruck hinterließ es bei mir allerdings nicht. Und genau darum geht es mir heute: um Würde, oder genauer gesagt um das Thema „in Würde altern“. Dieses Thema treibt mich ganz persönlich um. Denn mit meinen fast 68 Jahren stelle ich mir zunehmend die Frage, wie diese Herausforderung gelingt.

Alkohol kann Würde rauben

Was hat das mit Hella von Sinnen zu tun? – Zum einen ist sie fast im gleichen Alter wie ich. Zum anderen hat sie erst kürzlich in einem Bild-Interview eine Entscheidung publik gemacht, die in meinen Augen sehr viel mit meinem hier vorgetragenen Anliegen zu tun hat. Nach jahrzehntelangem exzessivem Alkoholkonsum (Meine Güte, was haben wir gesoffen!“) lebe sie nun nach eigener Aussage „herrlich nüchtern“. Seit ihrem zwölften Lebensjahr habe sie „richtig gesoffen“. Auch über weite Strecken ihres Künstlerinnenlebens („Premieren, Tourneen, Nächte“) sei der Alkohol ein fester Bestandteil gewesen. Heute betont sie, dass der Alkohol „schlechte Eigenschaften verstärke“. Selbstkritisch bereut sie ihre „unverschämte, arrogante Art im Suff“. Dafür hasse sie den „Suff“ sogar.

Ich muss gestehen: Diese Reflexionstiefe hätte ich ihr nicht zugetraut. Daher rührt es, dass ich eingangs von „Überraschung“ sprach. Umso mehr zolle ich Hella von Sinnen nun für ihre selbstkritische Rückschau und den hiermit verbundenen Gesinnungswechsel uneingeschränkt Respekt und Anerkennung. Denn – nicht nur, aber gerade – im Alter kann einem der Alkohol jegliche Würde rauben. Das erlebe ich selbst täglich.

Beispiel: saufende alte Männer in meiner Nachbarschaft

In unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung liegt der Lenauplatz. Als ein Ort mit echter Aufenthaltsqualität hat er sich zu einer Art „Dorfplatz“ in Ehrenfeld, einem der bevölkerungsreichsten Veedel von Köln, etabliert. Zu den Schattenseiten des dort üblichen bunten Treibens zählt es, dass dort so gut wie jeden Tag eine ganze Riege alter weißer Männer beim „Saufen“ zu beobachten ist Die einen sitzen auf den rundherum aufgestellten Metallbänken für sich allein und starren mit glasigen Augen trübsinnig ins Leere. Natürlich weiß ich, dass hinter solchen Szenen Schicksale stehen – aber der Anblick bleibt dennoch bedrückend.

Andere wiederum versammeln sich in der Gruppe und parlieren mit hochroten Köpfen lautstark über dieses und jenes. Wenn ich das Fenster an meinem Arbeitsplatz geöffnet habe, kann ich das, was gesprochen wird, verstehen. Wie oft habe ich dabei schon die Augen verdreht? Denn ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie man so viel Mist auf einmal verzapfen kann. Das ist nicht nur mein Eindruck. Zum Teil ist das bereits ein Gesprächsthema unter meinen Nachbarn.

Was die Einzel- und Gruppentrinker indes eint, ist, dass oft genug, wenn ich mit meinem Hund gegen 11.00 Uhr den Lenauplatz quere, bereits ganze Batterien an leeren Bierflaschen neben den Bänken abgestellt sind. Dabei ist der Nachschub durch den Kiosk, der sich auf dem Platz befindet, stets gesichert.

Altersalkoholismus nimmt bedenklich zu

„In Würde altern“ sieht für mich anders aus. Ich selbst habe keineswegs auf alle Aspekte dieser Herausforderung bereits hinreichend befriedigende Antworten gefunden. Doch Nüchternheit oder zumindest „mindful drinking“ gehören für mich unbedingt dazu. Warum greife ich dies hier auf? – Weil der Alkoholkonsum im Alter seit Jahren in bedenklicher Weise zunimmt. Laut Robert-Koch-Institut sind die Prävalenzen für riskanten Konsum bei Männern in Deutschland nicht nur in der Altersgruppe 45–65 Jahre, sondern auch in der Generation 65+ (Babyboomer) am höchsten. Fast jeder zweite Mann ab 65 Jahren trinkt Alkohol mit moderatem bis hohem Risiko.

Auch bei Frauen der Generation 65+ sind die Prävalenzen erhöht, allerdings nicht ganz so stark wie bei den Männern. Eine wissenschaftlich etablierte Schätzung geht davon aus, dass 2 % bis 4 % der über 65-Jährigen sogar alkoholabhängig sind. Dass die Spannbreite der Prozentzahlen so weit ist, hängt mit der hohen Dunkelziffer zusammen. Denn es gibt leider noch kein festes Prozedere, den sogenannten Altersalkoholismus so systematisch zu erfassen, wie es zum Beispiel der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) für jüngere Altersgruppen tut. Man könnte auch sagen: Man ist gerade erst dabei, sich der Dimension des Problems bewusst zu werden. Dass es sich dabei keineswegs um ein Randphänomen handelt, zeigt die folgende Gegenüberstellung:

  • Demenz (alle Formen): ca. 1,8 Mio.
  • Depression im Alter: 2–3 Mio.
  • Alkoholabhängigkeit 65+: 0,36–0,72 Mio.

Gründe, im Alter dem Alkohol zu verfallen, gibt es viele

Zum Teil werden für den hier geschilderten Anstieg beim Risikokonsum im Alter sogenannte Kohorteneffekte, also generationsbedingte Verhaltensmuster, verantwortlich gemacht. Dennoch gibt es natürlich auch andere Gründe. Der gerade dargestellte Vergleich legt dies offen. So wird Alkohol häufig als Mittel der „Selbstmedikation“ gegen Depressionen genutzt. Alkohol und Depression führen allerdings in einen echten Teufelskreis. Denn auch wenn Alkohol kurzzeitig stimmungsaufhellend wirkt, führt er langfristig zu einer Verstärkung depressiver Symptome.

Weitere alterstypische Krankheiten, der Abbau von Fähigkeiten, eine erhöhte Vulnerabilität (besonders bei Frauen), der Verlust des Partners und Einsamkeit tun ihr Übriges dazu. Sie erhöhen das Risiko, dass Lebensqualität, Alltagsbewältigung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben spürbare Einschränkungen erfahren. Nicht selten kommt es dabei auch zu einem schrittweisen Verlust an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Gründe, im Alkohol Kompensation und Trost zu suchen, gibt es im Alter also viele. Insofern wundert es eigentlich nicht, dass es zu dieser Entwicklung kommt.

Noch mehr spricht dafür, es lieber zu lassen

Dabei ist der Alkohol auch hier nicht nur ein vermeintlicher Seelentröster, sondern gleichzeitig auch ein Booster zur Verstärkung der hier genannten Problemfelder. Alkohol gilt als erwiesener Risikofaktor für Demenz, Delir und Stürze. Auch das erhöhte Nebenwirkungsrisiko bei der im Alter häufig vorkommenden Multimedikation kann nicht hoch genug angesetzt werden. Hinzu kommt, dass aufgrund eines sinkenden Körperwasseranteils gleiche Trinkmengen gegenüber jüngeren Jahren zu höheren Blutalkoholspiegeln führen. Mit anderen Worten: Man verträgt im Alter deutlich weniger.

Daher kann man an dieser Stelle mit Nachdruck festhalten: Wenn es im Alter viele Gründe fürs Trinken gibt, spricht aus medizinischer Sicht noch viel mehr dafür, es lieber zu lassen oder zumindest mit größter Zurückhaltung zu tun.

Was bedeutet „Würde“?

Kommen wir auf den Aspekt der „Würde“ zurück. Im täglichen Sprachgebrauch wird dieser Begriff ebenso häufig wie selbstverständlich in Anspruch genommen. Doch welche Bedeutung sich dahinter genau verbirgt, bleibt meist im Unklaren. Deshalb möchte ich hier kurz die Begriffsdefinitionen von Friedrich Schiller und Peter Bieri vorstellen. Auch wenn zwischen beiden Ansätzen über zweihundert Jahre liegen, sind sie vom Aussagegehalt her durchaus kompatibel.

Friedrich Schillers Würdebegriff

Schillers Würdebegriff steht in der Tradition der Aufklärung und Emanuel Kants. Dessen Würdebegriff bildet im Prinzip die Grundlage für alle späteren Würdebegriffe. In seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ schreibt Kant:

„Der Mensch […] besitzt eine Würde, weil er sich selbst Zwecke setzen kann.“

Für Kant ist Würde ein Akt der inneren Selbstbestimmung, die in der Fähigkeit konkret wird, sich selbst Gesetze zu geben, sowie in der Freiheit, nicht bloß Naturwesen zu sein. Hieran knüpft Schiller in „Über Anmut und Würde“ (1793) an, wenn er ausführt:

„Würde ist die Erscheinung der Freiheit. Und weiter: Sie zeigt sich, „wenn der Mensch durch seine Vernunft Herr über seine Triebe bleibt.

Schillers Leistung besteht darin, dass er den Kant’schen Würdebegriff im Sinne der Weimarer Klassik um die Dimension der ästhetischen Bildung und Anmut erweitert. Beides ist nicht im schulisch-belehrenden Sinn zu verstehen. Vielmehr soll sie ein Lebensprinzip sein, das die Spaltung zwischen Sinnlichkeit (Triebe, Bedürfnisse, Affekte) und Vernunft (Pflicht, Moral, Gesetz) in Einklang bringt. Auf diese Weise soll eine innere Balance entstehen, die Würde sichtbar macht. Würde ist also nicht nur ein innerer moralischer Zustand, sondern auch eine nach außen hin sichtbare Haltung, eine Form des Auftretens und ein Verhalten, das Freiheit zeigt:

„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“

Das bedeutet:

  • Würde zeigt sich, wenn ein Mensch seine Triebe nicht verleugnet, aber beherrscht.
  • Würde ist sichtbar gelebte Freiheit; ein Mensch handelt nicht aus Impuls, sondern aus innerer Haltung.
  • Würde ist eine ästhetische Erscheinung; sie zeigt sich im Verhalten, im Auftreten und im Umgang mit sich selbst.

Was bedeutet das nun im Hinblick darauf, in Würde zu altern? Schiller liefert hierzu selbst den entscheidenden Brückenschlag:

„Der Ausdruck der Würde erscheint, wo der Mensch die Gewalt des Schmerzes bezwingt.“

Mit anderen Worten: Würde wird sichtbar, wenn der Mensch unter Druck, Schmerz oder Einschränkung seine innere Freiheit bewahrt. Und: Diese innere Haltung darf auch im Alter nach außen strahlen. Genau das ist aber nicht der Fall, wenn ich mir die bereits beschriebene Szenerie mit der Riege alter trinkender Männer auf dem Lenauplatz vor Augen halte. Hier überwiegen die inneren Fesseln der Sucht, die auch nach außen hin in mehr oder weniger deutlich zutage tretenden Zeichen der Verwahrlosung sichtbar werden.

Peter Bieris Vorstellung von Würde

Über 200 Jahre später wird der Zusammenhang „innere Freiheit und Würde“ von Peter Bieri (alias Pascal Mercier) in die Gegenwart transformiert. Denn manch einer wird vielleicht denken: „Ach Gott, immer nur die deutschen Klassiker – hat sich denn seitdem nichts getan?“ Doch, selbstverständlich hat es das.

Bieri präsentiert in seinem Buch „Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde“ (2013) einen modernen Würdebegriff, der der Individualisierung des Menschen Rechnung trägt. Er fragt nicht: „Was ist moralisch normativ richtig?“ Sondern: Was macht „mein!“ Leben zu einem würdevollen Leben?

Markante Originalzitate von ihm sind in diesem Zusammenhang:

„Würde hat zu tun mit der Art, wie wir mit uns selbst umgehen.“ (Bieri, Eine Art zu leben)

„Würde ist die Fähigkeit, sich nicht zum Objekt machen zu lassen – weder von anderen noch von sich selbst.“ (Bieri)

„Ein würdiges Leben ist ein Leben, das man versteht und für das man Verantwortung übernimmt.“ (Bieri)

Würde bedeutet demnach:

  • Selbstbestimmung, das heißt, Entscheidungen zu treffen, die wirklich die eigenen sind.
  • Selbstachtung: das heißt, sich nicht klein zu machen und entwürdigen zu lassen.
  • innere Freiheit, das heißt, nicht Sklave von Süchten, Automatismen oder Erwartungen zu sein.
  • Verstehen, das heißt, das eigene Leben zu reflektieren, statt es „geschehen zu lassen“.

Mit anderen Worten: Demnach altert ein Mensch würdig, wenn er kritik- und lernfähig bleibt, eigenverantwortlich Gestaltungsspielräume nutzt und sich durch Krankheit, Sucht und äußere Zwänge nicht entmündigen lässt.

Innere Freiheit und Selbstbestimmung als Ausdruck von Würde

Ihren gemeinsamen Kern haben Schillers und Bieris Würdebegriffe in der inneren Freiheit, selbstbestimmt zu handeln, statt sich führen zu lassen – egal, ob es dabei um moralische Selbstbeherrschung (Schiller) oder individuelle Selbstgestaltung (Bieri) geht.

Genau das ist es, was Hella von Sinnen in ihrem Interview zeigt: Sie erkennt und nutzt ihre innere Freiheit, entzieht sich der Diktatur des Alkohols und wählt ein herrlich nüchternes Älterwerden. Damit wird klar: Ihre Beichte ist ein Akt der Selbstbestimmung – und damit ein Akt der Würde. Und genau deshalb und dafür zolle ich ihr – wie bereits erwähnt – Respekt und Anerkennung.

Nicht umsonst sprechen Suchttherapeuten/-innen immer wieder von Suchtbefreiung beziehungsweise vom Einstieg in einen suchtbefreiten Lebensweg. Der Kampf gegen die Sucht hat also fundamental viel mit dem Kampf um innere Freiheit und Selbstbestimmung zu tun. Legt man Schillers und Bieris Würdebegriff zugrunde, heißt das nichts anderes, als im Kampf gegen Sucht seine persönliche Würde zurückzuerobern.

Ich denke, jede beziehungsweise jeder wird mir zustimmen, wenn ich behaupte: Würde darf keine Frage des Alters sein. Würde ist kein Geschenk. Man muss sie sich erkämpfen – jeden Tag und in jedem Lebensabschnitt aufs Neue. Und wenn man sein Leben in Würde beschließen will, bleibt einem dieser Kampf auch im Alter nicht erspart. Genau deshalb ist für mich der Anspruch, in Würde und „herrlich nüchtern“ zu altern, Programm.

In diesem Sinn möchte ich den Leserinnen und Lesern meines heutigen Artikels die folgende Empfehlung ans Herz legen: In Würde altern heißt, die eigene Freiheit nicht aus der Hand zu geben – auch nicht an den Alkohol.

BERATUNG FÜR EIN FREIES LEBEN OHNE SUCHT

In der LIFESPRING-Privatklinik sind Sie beim Thema „Sucht“ genau an der richtigen Adresse. Wir sind rund um die Uhr für Sie erreichbar.

Schreiben Sie uns eine Nachricht oder rufen Sie an.


    WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner