Drei Episoden, die exemplarisch für das Thema Alkohol sind
Die drei nachfolgenden Episoden habe ich am zweiten Adventswochenende erlebt. Sie sind aus dem normalen Leben gegriffen und daher besonders beispielhaft. Ihre Reihenfolge ist bewusst nicht chronologisch gewählt. Vielmehr habe ich mich bei ihrer Anordnung vom Inhalt der jeweiligen Story leiten lassen. Sie markieren eine Steigerung von Alkoholproblemen bis hin zur Eskalation in der letzten Geschichte. Dabei geht es mir nicht ums Anprangern. Vielmehr ist das Thema Alkohol hier in durchaus unterhaltsame, interessante und berührende Schilderungen eingebettet. Das entspricht ganz dem Umstand, dass dieses Sujet bei uns ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags ist und einfach passiert.
Episode 1: Ausflug nach Valkenburg/NL am Sonntag, den 8.12.2025
Oder: Wieso ist Alkohol ein Maßstab für den Besuchswert eines Lokals?
Glanz und Grotten
Nach stundenlangem Dauerregen glänzte mittlerweile sogar der dunkel-nasse Asphalt im weihnachtlichen Lichtermeer. Pfützen spiegelten den Schein der zahlreichen Lichterketten, die die Gebäude und Figuren im Bereich der ehemaligen Wehrmauer säumten. Währenddessen luden die noch verbliebenen Stadttore mit ihren pittoresk runden Spitzgiebeln zum Besuch der Fußgängerzone ein. Dicht an dicht drängten sich hier Menschen und Lokale. Und obwohl es nach wie vor schüttete: Man saß draußen – typisch Niederlande eben. Bedachungen und Heizstrahler sorgten dennoch für anheimelnde Gemütlichkeit.
Auf einer felsigen Anhöhe thronten derweil die Überreste der mittelalterlichen Valkenburg. Sie ist die Namensgeberin des von mir und meinen beiden Begleiterinnen besuchten Ortes. Der Anlass für unseren Ausflug am zweiten Advent: Im Untergrund der Burg erstrecken sich die weitläufigen Katakomben der Fluweelengrotte. Sie ist bekannt für ihren Kerstmarkt in wahrlich außergewöhnlicher Atmosphäre. Gleiches trifft auf den nicht weniger stimmungsvollen Weihnachtsmarkt in der fast gegenüberliegenden Gemeentegrot zu.
Betreutes Trinken und Suche nach dem heiligen Gral
Trotz aller Begeisterung stellten sich nach der gefühlt hundertsten labyrinthartigen Abzweigung bei uns dreien Hunger und Durst ein. Glücklicherweise bietet Valkenburg hinreichend Gelegenheit, beides zu stillen. Nun wissen meine beiden Begleiterinnen gutes Essen und Trinken zu schätzen. Insofern stand zu erwarten: Bei einer Einkehr wird es nicht bleiben. Und genauso kam es auch: Mit jedem Gläschen Bier beziehungsweise Wein stieg das Bedürfnis, es dem bekannten Kölner Höhnersong (die Höhner sind eine Kölner Musikgruppe) gleichzutun: „Jommer in en andere Kaschämm – Die Karawane zieht weiter, der Sultan hätt Doosch!“ (hochdeutsch: Gehen wir in eine andere Kneipe – Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst!“).
Ich nenne so etwas mit Augenzwinkern „betreutes Trinken“. Denn als Abstinenzler fällt mir in solchen Konstellationen automatisch die Rolle zu, den Überblick zu bewahren. Doch dieses Mal wollte es genau hiermit so ganz und gar nicht klappen. Denn als das Fanal zur Heimkehr ausgerufen wurde, wandelte sich der Weg zum Parkplatz schnell in eine Art Suche nach dem heiligen Gral.
Ein Deal sowie ein unfreiwillig alkoholfreier Ausklang
Der Grund: Wie in unserem westlichen Nachbarland üblich, wurde am Parkautomaten kein Ticket ausgedruckt, sondern stattdessen das Kfz-Kennzeichen eingetippt. Zudem funktionierte der Belegausdruck nicht, so dass wir keine genaue Adressangabe hatten. Die Ortungsapp meines Autos ließ mich ebenfalls im Stich: „Radius von 100 Metern überschritten!“ Zwar hatten wir uns als parkplatznahe Wegmarke das örtliche Swembad gemerkt. Doch mit regennassem Display erwiesen sich alle entsprechenden Eingabeversuche in Google Maps als trügerisch und nicht zielführend.
Frustriert legten wir in einem am Weg gelegenen syrischen Restaurant eine Pause ein. Zwischenzeitlich war unser Suchtrupp angewachsen. Peter aus Alkmaar nebst seiner amerikanischen Begleiterin Julie aus Wisconsin hatten sich uns angeschlossen. Schnell wurde die Gelegenheit beim Schopf gepackt und – Trump lässt grüßen – der folgende Deal ausgehandelt: Die zwei helfen uns beim Auffinden des Autos. Dafür fahren wir die beiden zu ihrem rund 20 Autominuten entfernten Hotel.
So etwas muss natürlich erst einmal begossen werden. Also wurde die freundliche Bedienung herangewunken, um dann mit Erstaunen zu vernehmen: „Wir schenken keine alkoholischen Getränke aus.“ Immerhin wurden alkoholfreie Varianten von Wein, Bier und Radler angeboten und auch bestellt. Verzogene Mienen beim ersten Schluck zeigten allerdings: Begeisterung sieht anders aus.
Zwiespältiges Fazit und zwiespältige Gefühle
Nachdem wir unser Auto mit Peters Hilfe gefunden und ihn mit seiner Begleiterin zum Hotel gebracht hatten, ließen wir den Tag auf der Weiterfahrt Revue passieren. Unser Fazit: Es waren mal ganz andere vorweihnachtliche Impressionen. Vor allem der Gegensatz zwischen bunt blinkendem Weihnachtsschmuck und archaisch anmutenden Gängen und Gewölben – das hatte etwas. Und so waren wir uns einig, dass wir mit unserem Ausflug ins niederländische Valkenburg das Beste aus einem ansonsten sehr trüben Sonntag mit Couchwetter gemacht hatten. Vonseiten meiner beiden Begleiterinnen kam allerdings eine Einschränkung: Der Ausklang im syrischen Restaurant sei unmöglich gewesen. Wie könne man in einem Restaurant den Gästen alkoholische Getränke versagen? Zumal der alkoholfreie Wein genauso wie das Radler ohne Promille richtig ekelhaft geschmeckt hätte. Kurz wurde hinterfragt: Ob wohl religiöse Beweggründe hierfür verantwortlich seien?
Ich verspürte in diesem Moment wenig Lust, diese Frage zu vertiefen. Denn ich musste mich aufgrund des starken Regens und der Dunkelheit aufs Fahren konzentrieren. Außerdem waren meine Gefühle eher zwiespältig. Einerseits kann ich verstehen, wenn sich bei Mitteleuropäern Widerstände regen, ihre genusskulturellen Gepflogenheiten den strengen religiösen Regeln des Vorderen Orients unterwerfen zu müssen. Andererseits wird niemand gezwungen, in ein solches Lokal zu gehen. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, dass jemals McDonald’s oder Burger King für ihre No-Alcoholics-Strategie kritisiert wurden.
Küche oder Promille – was ist der Maßstab?
Dennoch bergen solche Fragen mittlerweile einigen politischen Zündstoff. Dies lenkt aber ab von dem, was ich hier eigentlich zum Ausdruck bringen möchte: Besteht die Kernkompetenz eines Restaurants etwa nicht eher in der Qualität der dargebotenen Speisen? So bot das von uns besuchte syrische Restaurant geschätzt rund 30 Platten auf einem Buffet an. Auch wenn ich davon nichts probiert hatte, konnte man doch direkt sehen: richtig gute, frische und native Küche in einer auch optisch sehr ansprechenden Zubereitung. Hier drängt sich für mich der Vergleich auf zu der in niederländischen Lokalen weit verbreiteten Convenience-Food mit Bitterballen, Frikandel und Fritten. Es mag Geschmackssache sein, aber ich würde demgegenüber immer so etwas wie in dem syrischen Restaurant bevorzugen.
Vor diesem Hintergrund wundere ich mich einmal mehr: Wieso hat Alkohol in unseren Breitengraden einen so hohen Stellenwert, dass er zum Maßstab erhoben wird, ob ein Lokal besuchenswert ist oder nicht? Dabei möchte ich betonen, dass ich hier keineswegs vom Einzelfall aufs Allgemeine schließe. Denn dieses Wundern habe ich schon bei vielen Gelegenheiten und keineswegs nur bei der hier geschilderten Episode verspürt. Genau deshalb habe ich sie als berichtenswert und geeignet für meinen Blog erachtet. Ich möchte die hiermit verbundene Frage bewusst unbeantwortet lassen. Sie soll zum Nachdenken über unseren Umgang mit Alkohol anregen – nicht mehr, nicht weniger …
Episode 2: Essenseinladung bei Fatmire am Samstag, den 7.12.2025
Oder: Wie gelangt ein Mid-Ager an die Schwelle zur Sucht?
Zu viel Trinken – zu viel schämen
Stell dir vor, Du bist zum wiederholten Mal bei einer Bekannten zum Essen eingeladen und möchtest Dich nun erkenntlich zeigen. Also fragst Du ihren miteingeladenen Ex-Mann, mit dem Du gut befreundet bist, nach einem geeigneten Mitbringsel. Dieser antwortet, ohne groß zu überlegen: „Wenn Du ihr wirklich eine Freude bereiten willst, bring ihr eine Flasche Weißwein mit.“ Normalerweise ist das kein Problem für mich. Doch dieses Mal, am Vortag des zweiten Advent, war ich im Zweifel, ob ich diesen Tipp befolgen sollte. Denn die Gastgeberin, nennen wir sie Fatmire, sagt über sich selbst: „Ich trinke zu viel.“
Nach eigenen Angaben sind es im Durchschnitt rund anderthalb Flaschen Weißwein pro Abend. Von ihrem Ex-Mann weiß ich, dass sie sich dafür schämt – vor allem mir gegenüber. Sie hat natürlich mitbekommen, dass ich keinen Alkohol trinke. Auch habe ich mal erwähnt, dass ich beruflich über das Thema Alkohol und Sucht schreibe.
Stigmatisierung von Sucht und Abstinenz
Ich bin es mittlerweile gewohnt, dass man nicht nur Sucht, sondern auch Abstinenz in unserer Gesellschaft mit einem Stigma versieht. Einerseits unterstellt man Menschen etwa mit Trinkproblemen vorschnell einen schwachen Charakter. So lese ich oft genug in Leserkommentaren zu Social-Media-Kampagnen von LIFESPRING, wenn es etwa um den stationären Entzug geht: Braucht kein Mensch. Wer stark ist und es wirklich will, kann auch so aufhören. Andererseits stempelt man Menschen, die abstinent leben, häufig als kleinkarierte und voreingenommene Genussfeinde mit erhobenem Zeigefinger ab. Wenn LIFESPRING zum Beispiel auf die Gefahren eines überzogenen Alkoholkonsums hinweist, stolpere ich immer wieder über Posts nach dem Motto: „Ach, die schon wieder, die gönnen einem auch gar nichts und müssen das als Suchtklinik ja so schreiben.“
Ich bin kein Fan solch vorurteilsbehafteter Sichtweisen. Lieber halte ich mich an die Maßgabe: „Beurteile niemanden, bevor du nicht ein Stück seines Wegs mit seinen Schuhen gegangen bist.“ Insofern hat Fatmire zumindest im Hinblick auf meine Person keinen Grund, sich für irgendetwas zu schämen. Nun weiß sie über meinen Weg und meine Schuhe recht wenig. Es hat sich bislang einfach nicht ergeben. Außerdem falle ich ungern mit der Tür ins Haus. Sie hingegen ist ziemlich extrovertiert. Das trifft auch auf ihren Ex-Mann zu. Daher habe ich über Fatmires Lebensgeschichte schon einiges erfahren, was mir ihre „Trinkprobleme“ als durchaus nachvollziehbar und verständlich erscheinen lässt.
Fatmires Weg und Schuhe
1982 im Kosovo geboren, erinnert Fatmire sich bereits im Grundschulalter an persönlich erlittene Menschenrechtsverletzungen. 1989 hatte Präsident Slobodan Milošević dem mehrheitlich albanisch bevölkerten Kosovo die Autonomierechte entzogen. Dies leitete einen langjährigen Konflikt ein, in dessen Zuge es zu zahlreichen Übergriffen kam. So stürmten eines Morgens serbische Kräfte in Fatmires Klassenzimmer, um alle albanischen Mädchen der Zwangssterilisation zuzuführen. Sie rettete sich mit einer Freundin durch einen Sprung aus dem Fenster und versteckte sich so lange unter einem Auto, bis dieser unheilvolle Spuk vorbei war.
Hinzu kamen traumatische Erlebnisse mit einem ihrer Brüder, der gewalttätig und kriminell war. Er nötigte sie zu einer Ausbildung als Köchin und behielt das dabei verdiente Geld ein. Als sie ihren deutschen Ex-Mann kennenlernte, kam es von Seiten des Bruders sogar zu Bedrohungen mit an den Kopf gehaltener Waffe. Schutz oder Unterstützung durch ihre Eltern und anderen Geschwistern suchte sie vergeblich, sodass sie schließlich mit ihrer Familie brach. Ihre Ehe scheiterte Jahre später und brachte ihr eine Privatinsolvenz ein. Auch anschließende Beziehungen funktionierten nicht.
Dennoch ist sie durchaus dabei, sich eine solide bürgerliche Existenz aufzubauen. Als mittlerweile examinierte Altenpflegerin arbeitet sie erfolgreich bei einem der großen Wohlfahrtsverbände im ambulanten Dienst. Doch sie beklagt zunehmend die Doppelbelastungen als voll im Beruf stehende und alleinerziehende Mutter einer Tochter.
Eine Mid-Agerin am Scheideweg
Ich sehe sie nun an einem Punkt, an dem sie zwar im Alltag funktioniert, aber sehr aufpassen muss, dass sie mit ihrem Trinkverhalten nicht die Schwelle zur Sucht überschreitet. Dabei ahnt sie, worauf sie zusteuert, und hat dies daher im Rahmen einer Psychotherapie thematisiert, die sie allerdings aus anderen Gründen macht.
Sicher markieren Fatmires Schuhe bis dato einen besonders beschwerlichen Weg. Aber mit plus minus Mitte Vierzig haben andere auch bereits Negativerfahrungen im Kindesalter, Rückschläge, Enttäuschungen und biografische Brüche sammeln müssen. Außerdem ist diese Lebensphase von einem großen Erwartungs- und Leistungsdruck geprägt, da man sich gemeinhin im Peak der Erwerbstätigkeit bewegt. Daher kommt es nicht von ungefähr, wenn Mid-Ager im Rausch psychotrop wirkender Substanzen Kompensation suchen und dabei in ein risikoreiches Konsumverhalten schlittern. Insofern ist Fatmires aktuelle Situation exemplarisch und berichtenswert. Sie kennzeichnet ein entscheidendes Stadium im Vorfeld eines Abhängigkeitssyndroms. Wenn man hier nicht – umgangssprachlich ausgedrückt – „die Kurve kriegt“, läuft man Gefahr, genau da zu landen, wo sich der Protagonist der nachfolgenden Episode befindet.
Episode 3: Denkwürdige Parkplatz-Begegnung am Samstag, den 7.12.2025
Oder: Wie verliert man durch Alkohol sich selbst und alles andere?
Wie kam Luna in mein Leben?
Als wir uns nach dem Genuss von Fatmires Kochkünsten auf den Heimweg machen, ist es draußen längst dunkel. Luna, meine dreijährige Golden-Retriever-Hündin, läuft dennoch wie immer vor zu meinem Auto, welches auf dem Parkplatz hinter dem Haus steht. Sie kennt den Weg, denn bevor sie im Sommer zu mir kam, wohnte sie bei Fatmire.
Luna war eine Hinterlassenschaft von Fatmires letztem Lebensgefährten Mischa (Name zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert). Fatmires Beruf im Schichtdienst und ihre Tochter in der Ganztagsschule führten dazu, dass Luna nach der Trennung von Mischa viel allein war. Als sie während der letzten Sommerferien dann für zwei Wochen bei mir zu Gast war, sprang der Funke zwischen uns über. Aus Vernunftsgründen und schweren Herzens überließ mir Fatmire schließlich Luna, da diese beim Zurückbringen tagelang die Nahrung verweigerte und fiepste. Ich musste Fatmire allerdings versprechen, dass ich Luna zu jeder Verabredung mitbrächte.
Warum hat Lunas Ex-Herrchen alles verloren?
Lunas ursprüngliches Herrchen Mischa kannte ich bis dato nur vom Hörensagen. Als gebürtiger Russe hatte er in Deutschland beruflich als Polier auf dem Bau Fuß gefasst und eine Familie mit einer heute erwachsenen Tochter gegründet. Das Mehrfamilienhaus, in dem Fatmire sowie auch Mischas Mutter leben, hat er quasi gebaut. Fatmires Wohnung ist denn auch eigentlich seine gewesen. Er war als Bauprofi wohl hochgeschätzt und verdiente gut. Auch menschlich wurde er als jemand geschildert, der das Herz eigentlich am rechten Fleck hat.
Leider aber nur „eigentlich“ – denn Mischa hat ein großes Problem: Er trinkt ebenfalls zu viel. Bei Licht besehen ist das aber eine Verharmlosung. Denn Mischa wurde schon wiederholt als Notfall zwangseingewiesen. Um es detaillierter zu veranschaulichen: Er trinkt so viel, bis er sich einnässt. Fatmires Tochter erzählte mir einmal, dass Mischa unter Alkoholeinfluss ein anderer Mensch gewesen sei. Es hätte viel Streit gegeben und Mischa sei dann sehr laut geworden. Er hätte ihr oft so viel Angst eingejagt, dass sie regelmäßig Kopfschmerzen bekommen und sich in ihrem Zimmer verschanzt hätte.
Insofern ist es verständlich, dass Fatmire bei der letzten Zwangseinweisung die Reißleine zog und mit der Verbannung aus der gemeinsamen Wohnung die Trennung vollzog. Mischa wohnt jetzt vorübergehend bei seiner Mutter. Er hat alles verloren: sein Dach über dem Kopf, mittlerweile auch seinen Job, sein Auto, seine Patchwork-Family sowie eben auch Luna.
Eine empfindsame Seele und eine berührende Begegnung
Als Luna nun, wie eingangs geschildert, auf mein Auto zusteuerte, drehte sie plötzlich ab und bewegte sich aufgeregt sowie freudig mit dem Schwanz wedelnd auf die Mitte des Parkplatzes zu. Da es dort unbeleuchtet war, konnte ich nur schemenhaft die Umrisse einer großen, drahtigen Gestalt erkennen. Mir fuhr allerdings direkt in den Kopf: Das kann nur Mischa sein. Ich hatte auf diese Gelegenheit schon länger gehofft. Denn ich wurde das Gefühl nicht los, jemandem etwas weggenommen zu haben, was mir streng genommen nicht gehörte. Also ging ich geradewegs auf Mischa zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Ich bin Frank – Luna lebt jetzt bei mir.“ Er entgegnete nur kurz: „Ich weiß.“ Seine Stimme klang sanft und leise, während seine Augen mit Tränen erfüllt waren. Ich versicherte ihm, dass es Luna bei mir gut habe und er sie jederzeit sehen könne, wenn er Sehnsucht nach ihr verspüre. Er nickte still und umarmte Luna innig. Als Luna etwas verunsichert nicht gleich in den geöffneten Kofferraum sprang, hob er sie mit Leichtigkeit dort hinein, verabschiedete sich mit einem kurzen Kopfnicken und entschwand dann schnell.
Ich muss zugeben: Ich war tief gerührt und auch überrascht über so viel Empfindsamkeit. Denn Fatmire hatte in ihren bisherigen Schilderungen kaum ein gutes Haar an Mischa gelassen. Einerseits verstehe ich das, andererseits muss ich sagen: Sie misst mit zweierlei Maß. Denn sie hat, wie in der vorherigen Episode ja bereits geschildert, ebenfalls ein Trinkproblem. Und ich habe schon selbst erlebt, dass sie unter dem Einfluss von zu viel Alkohol genauso jegliche Contenance vermissen ließ.
Der große Irrtum: Davon bin ich weit entfernt!
Dabei hat Mischa längst erkannt, was mit ihm los ist. Gegenüber Fatmires Ex-Mann hat er wohl einmal selbstkritisch angemerkt: „Ich weiß, dass ich ein Riesenproblem habe und so lange trinke, bis ich alles unter mich gehen lasse. Trotz drei Entzügen bekomme ich es einfach nicht in den Griff. Diese Selbsteinschätzung ist leider nur allzu wahr. Denn als ich am dritten Advent erneut mit Luna bei Fatmire war, wusste sie zu berichten, dass Mischa tags zuvor erneut mit dem Notarztwagen abgeholt werden musste. Da ich noch unter dem Eindruck meiner Begegnung mit ihm am vorletzten Samstag stand, habe ich ein aufrichtig empfundenes Bedauern zum Ausdruck gebracht. Ich halte Mischa im Kern für eine gute Seele, die aber dabei ist, an den Suchtteufel vollends verloren zu gehen. Das ist einfach nur tragisch.
Nun wird der ein oder andere beim Lesen dieser Geschichte sicher sagen: „Das kann mir nicht passieren.“ Davon bin ich weit entfernt. Genau das ist aber ein großer Irrtum. Jede Suchtentwicklung hat einmal klein angefangen. Und um es mit einem Leitspruch der Anonymen Alkoholiker zu sagen: Das nächste Glas ist immer nur eine Armlänge entfernt.