Sollte man als ehemals suchtkranker Mensch alkoholfreie Varianten von Sekt, Bier & Co. konsumieren?

Sollte man als ehemals suchtkranker Mensch alkoholfreie Varianten von Sekt, Bier & Co. konsumieren?

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Immer wieder erreicht uns die Frage aus der Community, ob man als ehemals suchtkranker Mensch alkoholfreie Getränke wie Bier oder Sekt konsumieren darf.

Alkoholische Getränke bilden einen festen Bestandteil unserer Kultur und unseres Alltags. Als abstinente Person sieht man sich daher immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen das Gläschen Sekt oder das Feierabend-Bier «einfach dazugehören».
Mittlerweile hält der Markt zahlreiche Alternativen bereit, die sich in puncto Aussehen, Geruch und Geschmack kaum von ihren alkoholhaltigen Pendants unterscheiden. Doch ist es ratsam, im Rahmen einer Alkoholabstinenz solche Getränke zu konsumieren? Im folgenden Artikel beziehen wir Position zu dieser häufig gestellten Frage.

Was bedeutet eigentlich «alkoholfrei»?

Für alkoholfreie Varianten von Sekt, Bier oder Wein kommen hauptsächlich zwei Produktionsverfahren zur Anwendung: Entweder unterbrechen Hersteller den Gärprozess oder filtern den Alkohol im Anschluss heraus. Laut Gesetz gilt ein Getränk als alkoholfrei, wenn der Alkoholgehalt 0,5 Volumen-Prozent nicht übersteigt. Getränke mit dem Aufdruck «0,0 %» enthalten gar keine Spuren von Restalkohol.
Aufgrund des niedrigen Gehalts an Alkohol ist es schlecht möglich, sich mit alkoholfreiem Bier, Wein oder Sekt zu betrinken. Beispielsweise wären 8 bis 10 Flaschen alkoholfreies Bier vonnöten, um denselben Blutalkoholspiegel wie mit einer Flasche «normalem» Bier zu erreichen – ungeachtet des kontinuierlichen Alkoholabbaus, der im Blut stattfindet.

Psychische Aspekte sprechen gegen den Konsum von alkoholfreiem Bier und Co.

Suchtkrankheiten beinhalten neben der körperlichen jedoch auch eine seelische und geistige Seite. Gerade das übermäßige Verlangen nach Alkohol erweist sich als sehr vielschichtig und lässt sich nicht auf den Effekt reduzieren, den Alkohol auf den Körper ausübt. Bereits das Öffnen eines alkoholfreien Biers, dessen Duft oder der zum Verwechseln ähnliche Geschmack können die Hirnregionen aktivieren, in denen die Sucht verankert ist. Alkoholfreie Varianten von Bier, Sekt oder Wein sind hervorragende Kopien des Originals – und setzen genau die Impulse, die man als von Sucht betroffener Mensch eigentlich vermeiden möchte. Die Tür für «mehr» wird geöffnet: Während die Hemmschwelle sinkt, steigt das Risiko für einen Rückfall.
Selbstverständlich zeigen sich die Auswirkungen bei jedem Menschen anders – schließlich gleicht keine Suchtkrankheit der anderen und die Ausprägung, der Umgang sowie der Therapieerfolg unterscheiden sich von Fall zu Fall.

Fazit: Bier, Wein und Sekt ohne Alkohol – ja oder nein?

 Ehemalige Alkoholabhängige scheuen sich oft vor alkoholfreien Alternativen zu Bier, Sekt oder Wein. Zurecht – denn während der Restalkohol den Körper praktisch nicht beeinflusst, wird die Psyche um einiges leichter «getriggert».
Grundsätzlich muss natürlich jede Person für sich selber abschätzen, welches Risiko mit welcher Art von alkoholähnlichem Getränk einhergeht. Oft löst zum Beispiel alkoholfreies Bier ungewollte Reize aus, während ein selber gemixter alkoholfreier Cocktail oder ein einfacher Traubensaft bedenkenlos genossen werden können.
Im Zweifelsfall würden wir ehemals alkoholabhängigen Menschen jedoch vom Konsum alkoholfreier Alternativen – insbesondere von Kopien mit Restalkohol oder starken emotionalen Verknüpfungen – abraten.

Über den Autor
Martin Swoboda
Martin ist Koch in der LIFESPRING-Privatklinik. Er besitzt langjährige Erfahrung in der gehobenen Gastronomie und versucht alle Wünsche unserer Patienten (die er allerdings Gäste oder Freunde nennt) stets zu erfüllen. Er unterstreicht damit den hohen Stellenwert, den die Kulinarik in unserer Entzugsklinik genießt.
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