Der „Beipackzettel“ von Kokain hat viele „Aber“

Der „Beipackzettel“ von Kokain hat viele „Aber“

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Nachdenklich nippt Jörg W. an seinem Cappuccino. Ein denkwürdiger Arzttermin liegt hinter ihm. Auf der Suche nach der dringend benötigten Stimmungsaufhellung und Leistungssteigerung wusste er sich einfach keinen anderen Rat mehr, als einen Psychiater aufzusuchen. „Kein Problem!“ –  sagte dieser. „Ich hab‘ da was für Sie. Ist ein weißes Pulver. Einfach ein paar Milligramm in einer Linie auf ein Brettchen streuen und mit einem kleinen Röhrchen in der Nase hochziehen. Fertig! Wirkt bereits nach wenigen Minuten. Sie sollen mal sehen, gibt einen richtigen Kick.“ Begeistert entgegnete Jörg W. zunächst: „So einfach geht das? Und das ist alles?“ „Nicht ganz“, antwortete der „Psycho-Doc“.

Kokain – ultimativer Kick mit vielen „Aber“

Was der „Psycho-Doc“ Jörg W. damit sagen will, ist: Es gibt im Beipackzettel von Kokain viele „Aber“!

  1. Das Pulver wirkt nur ca. eine Stunde. Danach geht es Ihnen erst einmal deutlich schlechter. Stichwort „Hangover“. Es sei denn, Sie „sniefen“ zeitnah die nächste Linie – je nachdem mehrmals am Tag.
  2. Das Pulver gibt es zwar an jeder Ecke. Sein Besitz ist (neben Produktion und Handel) aber illegal. Sie riskieren eine Strafanzeige.
  3. Für die Menge des im Pulver enthaltenen Wirkstoffs gibt es keine pharmakologischen Vorgaben. Mal ist das Pulver „reiner“, mal weniger. Entsprechend ist es mal mehr oder mal weniger gestreckt – im günstigsten Fall bloß mit Zucker oder Backpulver, im weniger günstigen Fall zum Beispiel mit Levamisol (Tierentwurmungsmittel, beim Menschen gehirnschädigend), Lidocain (Betäubungsmittel, herzschädigend) oder Phenatecin (vom Markt genommenes Schmerzmittel, krebserregend, nierenschädigend).
  4. Die Risiken und Nebenwirkungen sind nicht ohne: z. B. Dehydrierung, starker Gewichtsverlust, körperliche Überlastung, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckanstieg (durch einen stark gefäßverengenden Effekt) sowie Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zum lebensgefährlichen Schock. Bei langjährigem, regelmäßigem Konsum drohen darüber hinaus bleibende körperliche Spätschäden, wie z. B. Schädigung der Nasenschleimhäute, Blutgefäße, Leber, Nieren und des Herzens sowie sexuelle Funktionsstörungen. Unerwünschte psychische Folgen können – durchaus häufig – Schlafstörungen, Hyperaktivität, Depressionen, Angststörungen, Burn-out oder Wahnvorstellungen sein.
  5. Zusammen mit Alkohol, Nikotin, Speed, Koffein, Energy Drinks, Ecstasy, Cannabis, bestimmten Medikamenten (MAO-Hemmer, Sympathomimetika, Betablocker, trizyklische Antidepressiva) und besonders Heroin können lebensgefährliche Wechselwirkungen entstehen (z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt oder Herzstillstand).
  6. Das Pulver birgt – bei entsprechender Veranlagung – ein starkes Suchtpotenzial gepaart mit sozialem Rückzug bis hin zur totalen Isolation.
  7. Die „Tagestherapiekosten“ bewegen sich bei regelmäßiger und lückenloser Anwendung zwischen 50,- bis über 100,- Euro – je nach Reinheitsgrad. Sie sind weder „erstattungsfähig“ bei der Krankenkasse noch absetzbar beim Finanzamt. Sie müssen also komplett aus eigener Tasche bezahlt werden. Nicht selten kommt es daher zu finanziellen Problemen.

Hand aufs Herz: Wenn Ihnen Ihr Arzt ein Medikament mit so vielen „Aber“ im „Beipackzettel“ verschreiben würde, würden Sie nicht genauso nachdenklich wie Jörg W. am nächstbesten Cappuccino nippen?

„Bedenkenloser“ Konsum trotz „bedenklichem“ Beipackzettel

Die Schilderung des Arztbesuches von Jörg W. ist natürlich rein fiktiv. Nicht frei erfunden ist jedoch: Das oben beschriebene weiße Pulver gibt es tatsächlich. Es wirkt ähnlich wie moderne Antidepressiva, indem es die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin hemmt. Und wahrscheinlich haben sie es – auch als Nicht-Konsument – längst erkannt. Denn es ist als Stimulans – trotz Illegalität – ausgesprochen geläufig und je nach „Darreichungsform“ unter den Namen Kokain, Koks, Schnee, Coke, Crack oder Rocks bekannt.

Ebenso wenig erfunden ist, dass Kokain von vielen Menschen – trotz aller Risiken und Nebenwirkungen – bedenkenlos konsumiert wird. Es existieren zwar nur wenige wirklich belastbare Zahlen über die genaue Zahl der Konsumenten und Abhängigen. Der Kokainkonsum ist aber immerhin so hoch, dass sich seine Rückstände – übrigens mit stetiger Zunahme – im Abwasser von ausgewählten Großstädten in Deutschland (z. B. Düsseldorf) und Europa (z. B. Innsbruck, Zürich) feststellen lassen. Hierauf verweisen unter anderem die letztjährigen Drogen- und Suchtberichte der EU sowie der Drogenbeauftragten der Bundesregierung.

Sicher hat dies auch damit zu tun, dass die Verfügbarkeit – bei gleichzeitig recht stabilen Preisen – ebenfalls zunimmt. „Spiegel“, „Zeit“ und andere Medien berichteten 2018 zum Beispiel in ihren Onlineportalen übereinstimmend darüber, dass der europäische Markt zurzeit von Kokain geradezu überschwemmt werde.

Natürlich führt nicht jeder Kontakt mit dieser Droge zu ruinöser Sucht und Abhängigkeit. Dennoch ist die Gefahr psychischer (!) Abhängigkeit keineswegs hypothetisch, sondern real und hoch. Wenn Sie angesichts der oben beschriebenen vielen „Aber“ mehr über das Suchtrisiko des Kokainkonsums wissen möchten, empfehle ich Ihnen als weitere Lektüre den Blogbeitrag: „Der Teufelskreis der Kokainsucht“.  Hier finden Sie – neben einer Beschreibung der für Kokainsucht typischen inneren Zerrissenheit – auch Infos zur privaten Suchtklinik Lifespring in Bad Münstereifel als kompetente Anlaufstelle für Kokainabhängige.

Über den Autor
Frank Frank
Im Sommer 2018 bin ich von Lifespring mit der Redaktion dieses Blogs betraut worden und der Autor dieses Beitrags. Mein Name ist Frank. Seit vielen Jahren arbeite ich als freier Redakteur, Texter und Lektor. Auch ich habe eine „Suchtkarriere“ durchlebt. Bei mir war es der Alkohol. Seit 4 Jahren bin ich abstinent. Ich will hier nicht den häufig bemühten Himmel-Hölle-Vergleich bemühen. Denn beim Durchleiden meiner Sucht war nicht alles Hölle. Und jetzt, im Zustand der „Enthaltsamkeit“, ist nicht nur der Himmel auf Erden. Trotzdem war der Ausstieg aus einem alkoholschwangeren Leben die beste Entscheidung, die ich in jüngerer Zeit getroffen habe. Ich habe meine Freiheit und einen überwiegend klaren Kopf zurückgewonnen – auch wenn das Weltgeschehen mit nüchternem und enteuphorisiertem Blick nicht immer leicht zu ertragen ist. In diesem Blog möchte ich unter anderem über aktuelle Themen aus der Suchtforschung, aus dem Klinikalltag von Lifespring sowie aus den behandelten Suchtindikationen berichten. Ganz besonders möchte ich aber eins: Sie, als Betroffene oder Betroffenen, und Ihre unter Umständen ebenfalls betroffenen Angehörigen, genau da „abholen“, wo Sie der Schuh beziehungsweise die Sucht drückt.
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