Lebensfreude – die Perle innerer Zufriedenheit
Der heutige Beitrag ist während des Höhepunkts der gerade abgelaufenen Karnevalssession entstanden. Dies war Anlass genug für einen bunt‑fröhlichen Einstieg zum Thema Lebensfreude. Doch es wird sich zeigen, dass die hiermit verbundene innere Schwingung mehr ist als ausgelassene Jeckenstimmung: Lebensfreude ist die Perle innerer Zufriedenheit, deren Feuer auf unterschiedlichste Weise entfacht werden kann.
Doch das ist keine Selbstverständlichkeit – gerade für Menschen mit Suchtgeschichte. Der Text veranschaulicht, wie suchtgesteuerter Konsum natürliche Lebensfreude aushöhlt, und erklärt, welche Rolle hierbei neuroadaptive Prozesse und psychosoziale Faktoren spielen.
Gleichzeitig macht er Mut: Lebensfreude lässt sich zurückerobern – durch individuell passende Wege, die das eigene Empfinden wieder schärfen. Der Fokus richtet sich hierbei auf achtsame Wahrnehmung, kleine Alltagsfreuden, Sport und Bewegung sowie bewusste Selbstregulation.
In diesem Sinn ist die folgende Betrachtung ein Plädoyer dafür, Lebensfreude auf dem Boden innerer Zufriedenheit wieder neu wachsen zu lassen. Denn nur so kann es gelingen, Abstinenz nachhaltig zu stabilisieren.
Dem Regen ins Gesicht lachen – ein kölscher Auftakt zur Lebensfreude
Knallbunte Kostüme flattern im Wind beschwingter Schritte, während Regentropfen auf poppigen Perücken das trübe Morgenlicht widerspiegeln. In fröhlich lachende Gesichter sieht man trotzdem. Denn echte Jecken lassen sich davon nicht die Stimmung verderben. Das ist das Straßenbild, welches sich mir beim ersten Blick aus dem Fenster offenbart. Denn heute, der 12. Februar, ist Weiberfastnacht – in Köln traditionell die Eröffnung des Straßenkarnevals.
Bereits um kurz vor 9 Uhr hat mich der Soundcheck der auf dem benachbarten Lenauplatz aufgebauten Bühne und Musikanlage aus dem Schlaf gerissen. Nicht schlimm, denn das Szenario ist mir hinlänglich vertraut. Ehrenfeld, der Stadtteil, in dem ich wohne, ist nämlich seit Jahrzehnten einer der Hotspots des kölschen „Fasteleers“. Unter dem Dach des „Festkomitee Kölner Karneval“ gibt es sogar einen eigenen Ehrenfelder Festausschuss. Er veranstaltet seit 1954 den traditionellen Ehrenfelder Dienstagszug, der mit 200.000 Zuschauern und 3.500 Teilnehmern der größte Stadtteilzug Deutschlands ist.
Anarchisch verrückt – warum Karneval ein Ventil für Lebensfreude ist
Ich nenne es gerne das „Kölsche Paradoxon“. Denn einerseits ist die rheinische Narretei tief in anarchischer Verrücktheit verwurzelt. „Naturbekloppt“ nennen wir Kölner das. Früher war es ein Ventil gegen die von der Obrigkeit verordnete Hierarchie und Ordnung. Die Zeiten haben sich zwar geändert, aber stark reglementiert sind unser Alltag und unsere Gesellschaft noch immer. Insofern bietet der Karneval unverändert eine willkommene Gelegenheit, auszubrechen, die Welt auf den Kopf zu stellen, in andere Rollen zu schlüpfen und über die Stränge zu schlagen.
Andererseits versucht das Kölner Festkomitee bereits seit 1823, diesem Chaos Struktur zu geben und der Gefahr allzu überbordender Ausschweifungen Grenzen zu setzen. Dass dies auch heute durchaus nottut, zeigt die Entwicklung des jecken Treibens etwa im Kölner Studentenviertel. Es kam in den letzten Jahren zunehmend zu unerfreulichen Vorfällen. Und unter dem Stichwort „Ballermannisierung“ ist die künftige Ausrichtung des Kölner Karnevals in der domstädtischen Politik und Gesellschaft ein rege diskutiertes Thema.
Die laute und schrille Form der Lebensfreude
Im Wort „Fastnacht“ steckt nicht zufällig die „Nacht“ – ein wenig Dunkelheit gehört also wohl dazu. Dennoch würde ich große Zustimmung für die Behauptung ernten, dass der Kölsche Fasteleer ein Fest der Lebensfreude ist. Nicht umsonst lautet ein in diesen Tagen immer wieder zu hörendes Motto: „Maat üch vill Spaß un Freud, denn dat Levve duurt kei Ewigkeit!“ (Hochdeutsch: „Macht euch viel Spaß und Freude, denn das Leben dauert keine Ewigkeit!“)
„Lebensfreude“ ist das eigentliche Thema meines heutigen Blogbeitrags. Dass beim Schreiben des Artikels hierzu die gerade abgelaufene Karnevalssession ihren Höhepunkt erlebt hat, ist eher Zufall. Dieser kommt mir allerdings aufgrund des dargestellten Zusammenhangs durchaus gelegen. Denn er führt das Thema Lebensfreude besonders anschaulich vor Augen. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass das närrische Treiben nur eine Facette der Lebensfreude abbildet. Man könnte auch sagen: Es ist ihre besonders laute, schrille und tendenziell exzessive Form. Daneben gibt es aber auch andere, deutlich stillere und verinnerlichte Formen. Das wird sich an späterer Stelle noch zeigen.
Warum „Lebensfreude“ im Kontext Sucht?
Wenn es nicht der Karneval ist, warum ich das Thema „Lebensfreude“ hier aufgreife, stellt sich die Frage: „Was ist es dann?“ Nun, mein letzter Blogbeitrag handelte von „Achtsamkeit“ und hierauf basierenden Therapieansätzen im Rahmen der Suchtbehandlung. In diesem Zusammenhang stellte ich den Ansatz von Thich Nhat Hanh vor. In seinen Büchern, wie zum Beispiel „Jeden Augenblick genießen – Übungen zur Achtsamkeit“ (erschienen im Verlag Herder 2019), propagiert Hanh die heilsam befreiende Kraft einer bewussten Gegenwärtigkeit. Damit ist keineswegs die ständige Jagd nach dem ultimativen Glücksmoment gemeint. Vielmehr geht es zum Beispiel darum, aus ganz banalen und unspektakulären Dingen, wie Licht, Wind, Gerüchen und Farben kleine Freuden zu schöpfen. Dies soll zum Aufbau natürlicher Belohnungssysteme beitragen. Übertragen auf den Kontext „Sucht“ bedeutet das: Wiederentdeckung von Genuss ohne Substanz.
Genau dies war die Initialzündung für die vorliegende Betrachtung. Stellt sich als Nächstes die Frage: „Warum erachte ich das Thema ,Lebensfreude‘ im Kontext Sucht als wichtig und betrachtenswert?“ Nun, weil ich aus dem Mund von süchtigen Menschen immer wieder Sätze höre, wie „Ich kann mich über nichts mehr freuen!“ oder „Ich empfinde überhaupt keine Lebensfreude mehr!“.
Wie Sucht Lebensfreude zerstört – prominente Beispiele
Dass dies kein singulärer subjektiver Eindruck ist, sondern durchaus als repräsentativ anzusehen ist, zeigen die folgenden Verlautbarungen von Prominenten, die ihre Sucht öffentlich gemacht haben.
Der bekannte Comedian, Moderator und Autor Kurt Krömer zum Beispiel äußert sich in einem Spiegel-Interview (2012) zu seiner Alkoholabhängigkeit und Depression. Dabei fällt der Satz: „Ich hatte keine Freude mehr an irgendwas.“ Der berühmte Rock-Gitarrist Eric Clapton gewährt in „Clapton: The Autobiography“ (2007) Einblicke in die Phase, als er von Alkohol und Heroin abhängig war. Seine innere Verfassung während dieser Zeit lässt sich aus dem folgenden Zitat ablesen: „Ich war nicht mehr fähig, Freude zu empfinden.“ Der nicht minder berühmte Musiker Elton John fasst sein Seelenleben im Kontext mit seiner Kokain- und Alkoholsucht ganz ähnlich zusammen: „Ich war leer. Nichts machte mir mehr Freude.“ (Guardian-Interview 2012 sowie Elton John: Me, 2019). Ebenso beschreibt die Sängerin und Schauspielerin Demi Lovato im Zusammenhang mit ihrer Alkohol- und Drogensucht „das Gefühl, dass mir jede Lebensfreude entzogen wurde“ (ABC‑Interview „Demi Lovato: Simply Complicated“, 2017). In die gleiche Richtung gehen die Empfindungen des Rappers und Grammy-Gewinners Macklemore, wenn er im Zusammenhang mit seiner Alkohol- und Drogensucht preisgibt: „Ich hatte keine Freude mehr am Leben, nur noch das Bedürfnis nach dem nächsten Rausch.“, (Interview mit The Guardian, 2014).
Diese Zitate ersetzen zwar keine wissenschaftliche Untersuchung. Im Kern zeigen sie aber eine so große Übereinstimmung, dass dies kein Zufall sein kann. Vielmehr lässt sich ein klares Muster erkennen, das man zugespitzt in etwa so auf den Punkt bringen könnte: „Sucht zerstört Lebensfreude!“
Neuroadaptive und psychosoziale Ursachen
Warum das so ist, lässt sich gut erklären. Auf der Webseite „Kokain: Welche Anzeichen gibt es?“ beschreibt die LIFESPRING-Privatklinik die Langzeitwirkungen eines suchtgesteuerten Kokaingebrauchs auf die Neurotransmitter (Botenstoffe) Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Die stark anregende Wirkung von Kokain führt bei einem solchen Konsummuster zur regelmäßigen, unter Umständen sogar täglichen Überstimulation ihres Stoffwechsels. Der Körper versucht, dem gegenzusteuern, indem er die Empfindlichkeit der entsprechenden Regelungssysteme herunterfährt. Betroffene merken das an der zunehmenden Toleranzentwicklung. Das heißt, sie benötigen eine immer höhere Dosis, um gleiche Effekte zu erzielen. Die hiermit verbundenen Umbauten bezeichnet man im Fachjargon als neuroadaptive Anpassungen. Diese Veränderungen sind kurzfristig ein sinnvoller Ausgleichs- und Schutzmechanismus des Körpers vor Überreizung. Langfristig führt das aber dazu, dass die natürlichen „Glückshormone“ im Alltag kaum noch wirken. Das Ergebnis ist ein Verlust an Lebensfreude.
Nun hat jedes Suchtmittel seine eigenen Wirkbesonderheiten. Alkohol und Heroin haben im Gegensatz zur stimulierenden Wirkung von Kokain einen dämpfenden Effekt. Auch setzen sie an anderen Botenstoffsystemen wie GABA, Glutamat und den Endorphinen an. Insofern lassen sich die Wirkmechanismen im Zuge einer Kokainabhängigkeit nicht 1:1 übertragen. Dennoch zeigen sich im Endergebnis deutliche Parallelen: Auch dort kommt es bei einem suchtgesteuerten Konsummuster zu neuroadaptiven Veränderungen sowie infolgedessen zur Aushöhlung der betroffenen Botenstoffsysteme. Die hiermit verbundene Desensibilisierung und Downregulation schlägt auch auf das dopaminerge System durch. Zusammen genommen führt dies in ganz ähnlicher Weise wie bei Kokain zu innerer Leere, emotionaler Verflachung, Stimmungsinstabilität sowie Freud- und Antriebslosigkeit. In diesem Sinne kann Kokain als Beispiel für ein allgemeines Prinzip dienen: Exzessiver Langzeitkonsum jeder abhängigkeitserzeugenden Substanz führt zu einem Verlust von Lebensfreude.
Hinzu kommen psychosoziale Faktoren, wie täglicher Entzugs- und Beschaffungsdruck oder sozialer Rückzug. So etwas zermürbt und raubt unendlich viel Kraft. Außerdem kann – durch Suchtsymptome überlagert – im Hintergrund eine Depression vorliegen. Sie kann Auslöser und/oder Folge eines Abhängigkeitssyndroms sein. All dies trägt ebenfalls in erheblichem Maß dazu bei, dass Betroffene kaum noch Freude empfinden.
Das Feuer der Lebensfreude lässt sich neu entfachen!
Es gibt also handfeste Gründe, warum suchtkranke Menschen oft jeglicher Lebensfreude entbehren. Wer sich von seiner Sucht befreien will, braucht daher eine Perspektive auf wiederzugewinnende Lebensfreude. Denn ohne sie bleibt jede Abstinenz fragil und gefährdet. Genau deshalb sollte sie in jeder auf Nachhaltigkeit abzielenden Entzugsbehandlung einen hohen Stellenwert haben.
Die gute Nachricht dabei ist: Es ist möglich, das Feuer verlorengegangener Lebensfreude neu zu entfachen. Es gibt allerdings auch eine Nachricht, die vielleicht nicht direkt schlecht ist, aber zumindest einiges abverlangt: Das Empfinden von Lebensfreude fällt einem nicht in den Schoß. Man muss für dieses Empfinden etwas tun und es gerade nach einer überwundenen Sucht regelmäßig trainieren.
Was bedeutet Lebensfreude?
Nun gibt es Worte, die erscheinen einem so selbstverständlich, dass man selten über ihre tiefere Bedeutung nachdenkt. Hierzu zähle ich auch den Ausdruck „Lebensfreude“. Jede beziehungsweise jeder kennt ihn und verbindet etwas damit. Würde man aber fragen: „Definiere mal, was Lebensfreude konkret bedeutet“, würde die oder der Befragte wahrscheinlich stutzen. Für das Erreichen eines Ziels finde ich es aber unverzichtbar, sich im ersten Schritt möglichst genau darüber im Klaren zu werden, was man da anpeilt.
In diesem Zusammenhang muss ich an ein bekanntes Kölner Karnevalslied von den Paveiern aus dem Jahr 2007 denken. Es trägt den Titel „Schön ist das Leben“. Sein Refrain lautet:
Schön is das Leben
Scheissejal wie alt mer sin
Mir ston immer midden drin
Schön is das Leben
Un et is lang noch net am Eng.(Hochdeutsch:
Schön ist das Leben
Scheissegal wie alt wir sind
Wir stehen immer mitten darin
Schön ist das Leben
Und es ist lange noch nicht am Ende.)
Das Wording des Refrains mag auf den ersten Blick oberflächlich und naiv wirken. Gerade das macht aber den entwaffnenden Charme dieser Zeilen aus. Außerdem geht ihr Sinn durchaus tiefer. Denn es finden sich Anklänge an das heutzutage propagierte Gedankengut der Achtsamkeit. So wird hier eine unerschütterlich lebensbejahende Grundhaltung beschrieben, bei der man mit resilientem und bewertungsfreiem Fatalismus alles annimmt, was kommt – auch das Alter. Entsprechend lässt man sich von nichts an den Rand des Lebens drängen, sondern bleibt standfest in seinem Zentrum. Man lebt für die Gegenwart, statt darüber zu grübeln, wann künftig alles ein Ende hat. Und man glaubt daran, dass jeder Augenblick eine Perspektive bietet, die das Leben lebenswert macht.
Zu hohe Erwartungen generieren mehr Frust als Freude
Nichts anderes meint der oben erwähnte Achtsamkeitsautor Thich Nhat Hanh, wenn er die heilsam befreiende Kraft einer bewussten Gegenwärtigkeit proklamiert. Und wenn er programmatisch fordert: „Genieße jeden Augenblick“?
Ich verstehe Hanhs Ansatz, zumal ich mich in meinem letzten Blogbeitrag intensiv mit ihm beschäftigt habe. Auch kann ich ihm viel abgewinnen. Dennoch sehe ich einen Punkt kritisch: Hanhs „Imperativ“, jeden Augenblick zu genießen, erzeugt mir zu viel Druck.
Für mich ist „Lebensfreude“ etwas Dynamisches. Es flutet in Wellen an und zieht sich wieder zurück – besonders dann, wenn man versucht, diese Welle festzuhalten oder ihr ständig hinterherzujagen. Ich sehe Lebensfreude daher eher als Ideal, bei dem Seele, Geist und Körper mit sich selbst, dem Leben und der Welt im Einklang schwingen. Dieses Ideal kann man nicht immer in hundertprozentiger Perfektion und als geradezu statischen Glückszustand in sich tragen. Wenn man sich dem Thema Lebensfreude mit einer so hohen Erwartungshaltung nähert, fürchte ich, dass man mehr Momente der Frustration als der Freude generiert.
Kleine Freuden aus den Basics des Alltags schöpfen
Umso mehr stimme ich mit Hanh in einem anderen Punkt überein. Es braucht nicht unbedingt die aufschäumende Krone einer Riesenwelle, wie sie die Profi-Surfer etwa in Portugals Nazaré suchen. Viel zielführender können die kleinen, oft viel zu selbstverständlichen und daher nicht wahrgenommenen Wellen des ganz normalen Alltags sein. Jeder hat sicher schon die Erfahrung gemacht, wie ein paar bewusste und tiefe Atemzüge schnell zu sich selbst führen. Auch bewusst genossenes Essen und Trinken (alkoholfrei!) könne eine positive Stimmung erzeugen.
Aus solchen alltäglichen Basics kleine, aber bewusste Freuden zu schöpfen, ist viel leichter zu erreichen als die eine große Welle. Notwendig sind solche Basics ohnehin, weil lebenserhaltend. Warum soll man dies also nicht mit Angenehmem verbinden? Und auch wenn der Erregungspegel dabei nicht so jubilierend ausschlägt wie beim Wellenreiten, kann man aus solchen Momenten doch ein grundsolides Muster der Zufriedenheit weben. Wenn das gelingt, ist schon sehr viel erreicht. Denn ein Zustand der Zufriedenheit ist viel eher als dauerhaft vorstellbar und für die Perlen der Lebensfreude ein idealer Nährboden.
Lebensfreude individuell präzisieren
Die von mir hier angesprochenen Basics sind aber nur als Beispiel zu verstehen. Das mit Lebensfreude verbundene innere Empfinden ist nämlich etwas sehr Persönliches. Jede beziehungsweise jeder wird hier letztlich anders fühlen. Genauso unterscheiden sich die Vorlieben, an denen sich Lebensfreude entzündet. Insofern gilt es, den Begriff der Lebensfreude in individueller Richtung weiter zu präzisieren.
Sie sind dabei, sich von Ihrer Sucht zu befreien, oder haben dies gerade geschafft? Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um diese Präzisierung vorzunehmen. Aus welchen Alltagsinseln, Leidenschaften oder Hobbys haben Sie vor Ihrer Sucht Freude geschöpft? Welche davon würden Sie gerne wiederentdecken? Oder gibt es etwas ganz Neues, was Sie schon immer machen wollten? Genau das habe ich vor einigen Wochen meinen Vetter gefragt, zu dem ich ein enges brüderliches Verhältnis pflege. Er antwortete: „Angeln!“ Nun, warum nicht, auch wenn mir persönlich das zu langweilig wäre. Aber mein Vetter gehört ohnehin zu diesen Menschen, die beneidenswert genügsam sind. Als ich ihn einmal während eines Urlaubs auf Kreta anrief und fragte, was er mache, antwortete er: „Nichts! Ich sitze hier auf der Terrasse meines Ferienappartements und schaue aufs Meer.“ Als ich wiederum mit dem Einwand der Langweiligkeit kam, entgegnete er: „Nö, das kann ich stundenlang und genieße es.“ Vielleicht ist er mit dieser hohen Kunst des Verharrens viel näher an Hanhs Achtsamkeitsansatz als ich. Wer weiß?
Sport und Bewegung sind ideal – als Regulativ und Freudenspender
Es fällt mir in diesem Zusammenhang noch Heiko ein. Heiko war jahrelang alkoholabhängig und hat es nach mehreren erfolglosen Anläufen schließlich bei LIFESPRING geschafft, seine Sucht hinter sich zu lassen. Hierbei und ganz besonders zur emotionalen Stabilisierung hat ihm Radfahren als neu entdeckte Passion immens geholfen. Ich habe ihn im Rahmen meines Blogs letztes Jahr im Frühjahr interviewt und auch bei seiner ersten Teilnahme am Radklassiker „Rund um Köln“ begleitet (https://www.lifespring.de/blog/heikos-schlag-zum-pedalritter/). Mittlerweile ist er seit fast siebeneinhalb Jahren trocken. O-Ton Heiko:
„… ich bin superglücklich, dass ich es geschafft habe, aus einem Suchtleben in ein suchtfreies Leben zu gelangen, und zwar verbunden mit der Regulierung meiner Gefühle durch Sport. Dadurch habe ich meine innere Ruhe und Mitte gefunden.“
Die positiven Auswirkungen eines aktiven Lebensstils sind hinlänglich belegt. Vor allem stimuliert Sport aber auf natürliche Weise die Ausschüttung der körpereigenen „Glückshormone“. Dieser Doppel-Effekt prädestiniert Bewegung und Sport daher optimal für suchtbefreite Menschen – und zwar nicht nur als Regulativ, sondern auch als Freudenspender.
Empfinden für suchtbefreite Lebensfreude muss trainiert werden
Doch einfach war Heikos Weg dorthin dennoch nicht. Ich habe in der Zeit meiner Begleitung zum Beispiel mitbekommen, wie gewissenhaft und diszipliniert Heiko für „Rund um Köln“ trainierte. Bei sportlichen Aktivitäten stellt dies sicher eine Selbstverständlichkeit dar. Dass aber auch das Empfinden von Lebensfreude wieder trainiert werden muss, erscheint da schon deutlich ungewöhnlicher. Dennoch ist es gerade bei ehemals suchtkranken Menschen so.
Um Lebensfreude spüren zu können, benötigt man ein unbenebeltes Bewusstsein für Wahrnehmung und Fühlen. Genau das ist aber bei einem suchtgesteuerten Konsum von abhängigkeitserzeugenden Substanzen das Problem. Sie manipulieren Empfindungen und Sinneseindrücke so stark, dass diese im Zuge von Langzeitgebrauch und neuroadaptiver Anpassung (siehe oben) schließlich völlig abstumpfen. Besonders anschaulich wird das, wenn man sich die stark dämpfende Wirkung von Alkohol und Heroin vor Augen hält.
Sie möchten schon, wissen aber nicht wie?
Erwartet man also nach Überwindung einer Abhängigkeit, dass sich wie auf Knopfdruck ein Gespür für die suchtbefreiten Freuden des Lebens einstellt, wird man enttäuscht werden. Hierfür müssen Sinne, Wahrnehmung und Fühlen erst einmal wieder geschult und geschärft werden. Ein probates Mittel hierfür können achtsamkeitsbasierte Anwendungen sein. In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich zum Ende hin acht beispielhafte Achtsamkeitsübungen vorgestellt, deren Schwerpunkt auf alltagstauglicher Einfachheit liegt. Wer diese Art „Schnupperkurs“ vertiefen will, findet dazu ein breites Angebot, welches durchaus niedrigschwellig und leicht zugänglich sein kann. Hier ein kurzer Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Yoga (körperlich orientiert)
Yoga ist extrem wirksam, wenn es physiologisch und achtsamkeitsbasiert vermittelt wird – ohne spirituelle Überhöhung. Es verbessert die Körperwahrnehmung, hier auch die Sensibilität für bestimmte Reize aus dem Körperinneren. Außerdem hilft es, Atmung und vegetatives Nervensystem zu regulieren. Mit Yoga sollte man sich vorher ein wenig beschäftigen, damit man die für einen selbst richtige Auswahl treffen kann. Geläufig und bekannt ist zum Beispiel Hatha-Yoga. Daneben gibt es aber noch eine ganze Reihe anderer Formen.
Erste Orientierung und Suchhilfen bieten: Deutsche Yoga-Gesellschaft (DYG), Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY)
Tai Chi (Bewegung + Wahrnehmung) und Qi Gong (medizinisch orientiert)
Tai Chi ist ideal für Menschen, die wieder ein Gefühl für Balance, Stille, Ruhe und Körperfluss entwickeln wollen. Auch hier spielen Atem-Rhythmus-Koordination und feine Körperwahrnehmung eine zentrale Rolle.
Qi Gong ist eine sanfte Form der Körperaktivierung und fördert unter anderem Atembewusstsein und innere Ruhe.
Erste Orientierung und Suchhilfen bieten: Deutsche Taijiquan & Qigong Gesellschaft (DTB), Deutsche Qigong Gesellschaft
Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR) und Autogenes Training (AT)
PMR ist eine der bestuntersuchten Methoden zur Stress- und Körperspannungsregulation. Sie hilft, Spannung und Entspannung wieder zu unterscheiden, Stresssignale früh zu erkennen und den Körper als „Ort von Sicherheit“ zu erleben.
Autogenes Training schärft das Körperempfinden über Autosuggestion (z. B. „Mein Arm wird warm“) und stärkt Selbstregulation sowie vegetative Beruhigung. Für manche ist AT anfangs zu „kopflastig“. Dann sind mehr körperorientierte Ansätze, wie PMR oder Yoga oft der bessere Start.
Erste Orientierung und Suchhilfen bieten: Deutsche Gesellschaft für Entspannungsverfahren (DG-E), Berufsverbände der Psycholog:innen (BDP) und Psychotherapeut:innen.
Wer sich ganz gezielt für das Thema „Achtsamkeit“ interessiert, findet weiterführende Informationen beim MBSR-Verband Deutschland oder bei der Deutschen Gesellschaft für Achtsamkeit (DGAM).