Plädoyer fürs Lachen

Plädoyer fürs Lachen

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Eine Straßenbahn, irgendwo, vielleicht in Deutschland. Ernst schauen die Mitfahrenden ins Leere, in sich gekehrt und jeder für sich. Haben sie Sorgen oder Stress? Oder sind sie einfach nur genervt, weil die Bahn so voll ist? Man weiß es nicht. An einer Haltestelle steigt ein Mann mittleren Alters ein – unscheinbar, aber dennoch der Held dieser Geschichte. Lässig lehnt er sich an eine frei gebliebene Haltestange, holt ein Tablet heraus, klappt es auf und schaut zunächst teilnahmslos aufs Display. Keiner bemerkt ihn oder nimmt Notiz von ihm. Plötzlich lacht der Mann laut auf, dann wieder und wieder, bis er einen regelrechten Lachkrampf bekommt.

Explosive Heiterkeit – wie aus dem Nichts

Zunächst blicken die Umstehenden verständnislos bis befremdet. Doch dann huscht über das Gesicht einer älteren Frau ein Lächeln, während ein junger Mann sein breitestes Grinsen aufsetzt. Weitere Mitfahrende beginnen ebenfalls zu lachen – immer gelöster und befreiter. Wie aus dem Nichts halten sich Menschen plötzlich die Hand vor ihren fröhlich aufgerissenen Mund, wiegen ihren Oberkörper beschwingt vor und zurück oder schlagen sich aus purem Vergnügen auf die Schenkel. Schließlich ist die ganze Bahn von einer geradezu explosiven Heiterkeit erfüllt.

Was ist passiert? Nun, man soll es kaum für möglich halten, aber es scheint Dinge auf der Welt zu geben, die noch viel ansteckender sind als Corona. So, wie zum Beispiel ein mitreißendes Lachen. Dabei ist diese Szene keineswegs frei erfunden. Vielmehr kursierte sie als Videomitschnitt in Facebook. Warum gebe ich sie hier wieder? Nun, ich weiß nicht, ob einigen von Ihnen das auch so geht, aber ich empfinde die allseits verordnete Besinnlichkeit der Vorweihnachtszeit bisweilen als ein erdrückendes Diktat. Es geht aufs Jahresende zu, da will und muss man noch einiges fertig stellen. Wie soll man in dieser Situation auf Knopfdruck auf Besinnlichkeit umschalten können? Auch ist Weihnachten das Fest einer Geburt. Sollte das nicht eher Anlass für ausgelassene Freude und Fröhlichkeit sein?

Nun schreibe ich hier in der Regel über Suchtthemen. Von daher stellt sich die Frage: Was hat Lachen und die eingangs geschilderte Sequenz eigentlich mit Sucht zu tun?

Was hat Lachen mit Sucht zu tun?

Mehr, als man auf den ersten Blick denken mag. Denn es gibt durchaus Gemeinsamkeiten, wenn man den Blick darauf lenkt, was gängige Suchtmittel und Lachen bewirken (können). So greifen Menschen zum Beispiel nach einem anstrengenden Arbeitstag zu einem Glas Bier oder Wein, bestellen sich am Wochenende eine Ration Kokain oder „werfen“ vor dem Einschlafen noch schnell ein Benzo (Benzodiazepin) ein. Die Motivation, der Zweck und die Wirkung beim Konsum dieser Stoffe ist allzu oft: abschalten, runterkommen und vergessen – zumindest für den Augenblick. Ebenso allzu oft wird dies zur Gewohnheit oder zum Ritual und birgt daher ein hohes Risiko zum Einstieg in eine stofflich bedingte Abhängigkeit und Sucht.

Doch ist Lachen nicht ebenfalls ein probates Mittel, um sich vom Alltag und seinen Sorgen zu lösen? Nicht umsonst erlebt zum Beispiel der Bereich der Stand-up-Comedy in der Unterhaltungsbranche seit Jahren einen rasanten Aufschwung. Und selbst in der oft angespannten Atmosphäre von Krankenhäusern sind sogenannte Clinic-Clowns immer häufiger in die Betreuung von Patienten eingebunden.

Der Unterschied zur Sucht: Lachen ist gesund!

Dabei gibt es zwischen Lachen und den oben genannten Suchtstoffen nicht nur Parallelen, sondern auch signifikante Unterschiede: Denn Lachen kostet nichts und macht vor allem nicht abhängig oder krank. Ganz im Gegenteil, heißt es doch: Lachen ist gesund! Oft ist an etablierten Redensarten etwas Wahres dran. So scheint es auch bei dieser Aussage zu sein. Ernstzunehmende Belege hierfür liefert nämlich die sogenannte Gelotologie. Geprägt wurde dieser Begriff vor über 60 Jahren von dem amerikanischen Psychiater William F. Fry. Er arbeitete an der Standford-University als Professor und beschäftigte sich als erster unter rein medizinischen Gesichtspunkten mit den Auswirkungen des Lachens auf Gedanken, Psyche und Körper.

Heute liefert die Gelotologie zunehmend Hinweise darauf, dass Lachen unserem Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Immunsystem zugutekommt. Vor allem aber verdichten sich die Hoffnungen darauf, dass sein gezielter Einsatz auch im therapeutischen Sinn nutzbringend sein kann, so zum Beispiel bei der Bekämpfung von Schmerzen und Stress. Mit HumorCare (http://www.humorcare.com/) gibt es in Deutschland und Österreich sogar einen eigens hierfür gegründeten Verein, der „die wissenschaftlich fundierte Anwendung von Humor in klinischen, psychosozialen, pädagogischen und beratenden Berufen“ fördert. Auch im Anwendungsspektrum der aus Indien stammenden Yoga-Lehre hat therapeutische Fröhlichkeit in Form des sogenannten „Lachyogas“ ihren Eingang gefunden.

Positive Impulse setzen

Manch einer von Ihnen mag dies belächeln und sich fragen, ob dieses Metier ernst zu nehmen ist. Ich selbst finde diesen Ansatz interessant und beachtenswert. Doch natürlich bin ich keineswegs so naiv zu glauben, dass „Lachen“ – gerade auch im Kontext mit Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen – ein Allheilmittel ist. Das ist auch nicht der Grund, warum ich hier so ausführlich übers Lachen berichtet habe. Mir geht es vielmehr ganz allgemein um das Setzen positiver Impulse. Und Lachen kann, neben vielen anderen Dingen auch, eben einen solchen positiven Impuls setzen. Es reiht sich damit nahtlos in die Vielzahl an Möglichkeiten ein, die unseren oftmals von Stress und Sorgen überbordenden Alltag aufhellen und entlasten können.

Neben dem Lachen können zum Beispiel auch Tanzen, Wandern, Spazierengehen oder die Ausübung einer sportlichen Betätigung solche „Kompensationsinseln“ im Alltag schaffen. Auch Musikhören oder Lesen, (be)sinnliche Eindrücke der Vorweihnachtszeit sowie spiritueller Input können diesen Zweck erfüllen. Des Weiteren bieten soziale Kontakte, die Pflege von Freundschaften oder ein liebevolles Miteinander in der Partnerschaft Möglichkeiten, den Alltag mit positiven Impulsen anzureichern. Schließlich kann gerade in der Weihnachtszeit oder zum Jahresausklang einfach auch nur der Genuss eines schmackhaften Essens seine positive Wirkung entfalten.

Die Summe macht‘s

Letztlich kann diese Aufzählung immer nur unvollständig bleiben. Denn jeder hat hier sicher andere Vorlieben. Wichtig ist nur, dass man überhaupt positiven Impulsen Raum gibt, egal, in welcher Form sie sich im Einzelnen ausgestalten. Dabei könnte ich mir vorstellen, dass es letztlich nicht den einen Impuls gibt, der alles richtet. Vielmehr wird es wohl eher die Kombination von mehreren solcher Aufhellungen und Entlastungen sein, die ein wirkungsvolles Gegengewicht zum Anreiz für einen suchtetablierenden Konsum bestimmter Stoffe bildet. Auch darf man, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, nicht erwarten, dass jeder Impuls immer gleich und nachhaltig wirkt. Manchmal verpufft ein solcher Effekt auch recht schnell wieder. Doch schon beim nächsten Mal kann es genau umgekehrt sein und ein bleibender Eindruck entstehen, von dem man noch lange zehrt.

Suchtpräventive Momente schenken

Doch leider ist es so, dass gerade in der Akutphase einer Suchterkrankung es schwer bis sogar unmöglich sein wird, solchen positiven Impulsen Raum zu geben. Denn meist verengt sich der Blickwinkel von abhängigkeitskranken Menschen so sehr auf den Suchtmittelkonsum und die Beschaffung von Nachschub, dass für andere (Freizeit)Interessen kein Platz mehr bleibt. Diese Verengung gilt denn auch als eines der typischen Merkmale einer Abhängigkeitserkrankung. Absolventen eines Entzugs müssen es daher oft mühsam wieder oder auch neu erlernen, ihre Sinne und Wahrnehmungen für all die Reize zu schärfen, die ein suchtbefreites Leben bieten kann.

Besser ist es natürlich, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Insofern kann jede Gelegenheit, in der man sich und anderen zum Beispiel ein Lächeln oder einen anderen positiven Impuls schenkt, ein suchtpräventiver Moment sein. Bereits oben habe ich angedeutet, dass die Advents- und Weihnachtszeit sowie die Zeit „zwischen den Jahren“ einen besonders geeigneten Rahmen bilden, um in dieser Hinsicht aktiv zu werden. Mit anderen Worten: Schenken Sie sich und Ihren Lieben in den verbleibenden zwei Wochen dieses Jahres noch möglichst viele suchtpräventive Momente – in Form von Lachen oder wie auch immer.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen fröhliche Weihnachten und ein gesundes sowie hoffentlich suchtfreies Jahr 2022.

Über den Autor
Autor Frank Frank
Im Sommer 2018 bin ich von Lifespring mit der Redaktion dieses Blogs betraut worden und der Autor dieses Beitrags. Mein Name ist Frank. Seit vielen Jahren arbeite ich als freier Redakteur, Texter und Lektor. Auch ich habe eine „Suchtkarriere“ durchlebt. Bei mir war es der Alkohol. Seit 7 Jahren bin ich abstinent. Ich will hier nicht den häufig bemühten Himmel-Hölle-Vergleich bemühen. Denn beim Durchleiden meiner Sucht war nicht alles Hölle. Und jetzt, im Zustand der „Enthaltsamkeit“, ist nicht nur der Himmel auf Erden. Trotzdem war der Ausstieg aus einem alkoholschwangeren Leben die beste Entscheidung, die ich in jüngerer Zeit getroffen habe. Ich habe meine Freiheit und einen überwiegend klaren Kopf zurückgewonnen – auch wenn das Weltgeschehen mit nüchternem und enteuphorisiertem Blick nicht immer leicht zu ertragen ist. In diesem Blog möchte ich unter anderem über aktuelle Themen aus der Suchtforschung, aus dem Klinikalltag von Lifespring sowie aus den behandelten Suchtindikationen berichten. Ganz besonders möchte ich aber eins: Sie, als Betroffene oder Betroffenen, und Ihre unter Umständen ebenfalls betroffenen Angehörigen, genau da „abholen“, wo Sie der Schuh beziehungsweise die Sucht drückt.
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