Warum ist Abstinenz von Alkohol ein Prüfstein für Freundschaft?
Wer dauerhaft auf Alkohol verzichtet, erlebt oft mehr als nur den Verzicht auf ein Getränk – er erlebt eine soziale Prüfung. Der neue Blogbeitrag beleuchtet, warum Abstinenz zum Prüfstein für Freundschaft werden kann und wie sich Beziehungen verändern, wenn der gemeinsame Rausch fehlt.
Anhand persönlicher Erfahrungen und psychologischer Erkenntnisse zeigt der Text, dass echter Zusammenhalt sich erst dann beweist, wenn Lebensstile auseinanderdriften. Er erklärt, warum Unterstützung durch das Umfeld entscheidend für dauerhafte Veränderung ist – und wie neue, alkoholfreie Lebensräume entstehen können, wenn alte Kreise sich schließen.
Wer Wasser bestellt, gerät unter Rechtfertigungsdruck
Der Freitag ist ein klassischer Ausgehtag. Viele verabreden sich im Freundeskreis, um gemeinsam das Wochenende einzuläuten. Wo man sich trifft, gerät dabei fast schon zur Nebensache. Denn so oder so läuft es, sobald man die jeweilige Lokalität betreten hat, auf die immer gleiche Frage hinaus: Bier? Wein? Sekt? Aperol Spritz? Die Erwartungshaltung der oder des Fragenden ist klar: Eines der aufgezählten Getränke sollte es schon sein! Alternative Bestellungswünsche rufen nur dann keinen Widerspruch hervor, solange sie alkoholhaltig sind.
Doch wehe, es ist jemand dabei, der ein Wasser zu ordert. Dann macht sich Staunen breit: „Was ist los mit Dir?“ „Bist Du krank?“ „Hast Du gestern schon zu viel vorgefeiert?“ „Musst Du noch fahren?“ Wer für diesen Fall keine allseits akzeptierte Antwort bereithält, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck. Auch Überredungsversuche sind dann keine Seltenheit, wie etwa: „Och, komm, sei keine Spaßbremse! Oder: „Einen kannst Du doch.“ Oder: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“ Oder: „Für Wasser ist es Montag noch früh genug.“
Alkohol kann verbinden und trennen
Ich bin mir sicher: Wer ein trinkfreudiges soziales Umfeld hat und in diesem Rahmen schon temporär mit Alkohol ausgesetzt hat, kennt die eingangs geschilderte Situation. Nun ist Aussetzen schnell vergessen, solange es vorübergehend ist. Kehrt man beim nächsten gemeinsamen Treffen in die Riege der „Schluckspechte“ zurück, gehört man wieder dazu. Doch was passiert, wenn man sich für längere Zeit oder gar dauerhaft gegen den Alkohol entscheidet?
Alkohol kann ohne Frage verbindend wirken. Gemeinsame Zecherlebnisse schweißen irgendwie zusammen. Nicht wenige Freundschaften haben auf diese Weise ihre Initialzündung erfahren. Doch genauso gut kann Alkohol etwas Trennendes sein. Freundschaften sind auch schon in die Brüche gegangen, wenn jemand dem Trinken abschwört, während andere aus der Clique bei der Stange bleiben. Übrigens: Nicht umsonst bezeichnet man in Köln Gläser für das heimische Bier „Kölsch“ als „Stangen“. Insofern darf man die „Stange“ hier wörtlich nehmen.
Wie lange wird man als Abstinenzler/in geduldet?
Doch wenden wir uns wieder dem Trennenden bei Alkohol zu. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an regelmäßige Kegel-, Darts-, Golf-, Tennis- oder Skatrunden. Oder an einen Schützen-, Trachten- beziehungsweise Karnevalsverein. Auch bei einem Fußballverein wird man sich nur schwer eine „trockene“ Siegesfeier vorstellen können. In all diesen Fällen stellt sich die Frage: „Wie lange wird man dort als Abstinenzlerin oder Abstinenzler von den anderen geduldet werden?“
Zu dieser Frage passt ein aktueller Bericht der Bildzeitung. Sein Titel lautet: „Alkohol-Eklat im Tennisclub: Pächter gefeuert, weil sie kein Bier ausschenken wollen“. Demnach hatte der Gießener Tennisclub Rot-Weiß seit längerem einen Pächter für sein Vereinsheim gesucht. Schließlich bewarb sich ein für seine anatolische Küche regional bekanntes Gastronomenpaar. Es wurde ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Der Haken dabei: Hierin war kein Ausschank von Alkohol vorgesehen – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil man einen familienfreundlichen Rahmen schaffen wollte. Obwohl das Pächterpaar dennoch den Zuschlag erhielt, will der Vorstand des Tennisclubs den Alkoholverzicht im Konzept so nicht wahrgenommen haben.
Als Außenstehender kann man nur schwer beurteilen, wer hier im Recht ist. Fakt ist allerdings: Der Vereinszweck eines Tennisclubs besteht in der Ausübung des Tennissports. Dennoch hat der Alkohol hier offensichtlich einen so hohen Stellenwert, dass man sich von Vereinsseite aus zum Handeln gezwungen sah. Im Kern mag dieser Vorfall anders gelagert sein als die Thematik meines Artikels. Trotzdem veranschaulicht er, dass die Frage der Duldung von Abstinenzlern/-innen etwa im Rahmen eines Vereinssettings keinesfalls abwegig ist.
Trinkfreudige tun sich schwer mit Nicht-Trinkern/-innen
Dabei habe ich immer wieder beobachten können, dass sich alkoholkonsumierende Menschen mit der Toleranz gegenüber nichtkonsumierenden viel schwerer tun als umgekehrt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Karnevalskumpel. Wir waren zeitweise durchaus eng befreundet. Dieser Freund war einmal zu Weiberfastnacht beim Feiern in einer Kneipe so betrunken, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ich hatte aufrichtig Sorge, dass er im nächsten Moment kollabiert. Keiner störte sich daran. Selbst seine anwesende Ex-Frau sowie seine ebenfalls mitfeiernde Tochter musste ich mit gehörigem Nachdruck auf die besorgniserregende Situation hinweisen.
Mit größter Überredungskunst und Mühe schafften wir es dann, meinen stark torkelnden Kumpel in mein Auto zu verfrachten. Während seine Ex-Frau und seine Tochter munter weiterfeierten, brachte ich meinen Freund zum Ausnüchtern nach Hause. Später erfuhr ich, dass am nächsten Morgen der Kater so schlimm war, dass der Notarzt gerufen werden musste. Bemerkenswert ist, dass exakt dieser Kumpel bei anderer Gelegenheit einmal folgendes Statement von sich gab: Wenn ein Freund nicht gemeinsam mit ihm tränke, nähme er das persönlich. Mit anderen Worten: Sich bis zum Umfallen volllaufen zu lassen, wird ohne Murren toleriert. Aber nicht mitmachen drängt einen in eine Rechtfertigungsposition oder schließt einen sogar aus.
Auch für Abstinenzler/-innen stellt sich die Toleranzfrage
Dennoch ist das mit dem Dulden keine Einbahnstraße. Auch für Abstinenzler/-innen stellen sich über kurz oder lang Fragen, wie etwa: Wie lange halte ich es noch aus, wenn bei jedem geselligen Beisammensein die Bier-, Wein- oder Schnapslogistik wichtiger ist als alles andere? Wie oft will ich mich noch langweilen, wenn mit steigendem Alkoholpegel jede Geschichte doppelt und dreifach erzählt wird? Wie oft will ich noch mein Ohr verrenken, wenn die Aussprache mit fortschreitendem Konsum immer verwaschener wird? Wie oft will ich meine Nase noch im Dunst feucht-fröhlicher Alkoholfahnen rümpfen? Und wie oft will ich es mir noch antun, wenn unter dem Einfluss von härteren Spirituosen sogar die Stimmung kippt?
Sicher, man kann solchen Situationen entfliehen, wenn man erste Anzeichen für unerbauliche Umschwünge wahrnimmt. Doch Spaß sieht anders aus. Mich deprimiert es zunehmend, wenn ich bei denen, die ich mag und die mir nahestehen, die typischen Zeichen des Betrunkenwerdens mitansehen muss.
Trinkfreunde und Versuchungsreiz
Ein weiterer Grund, auf Abstand zu alkoholtrinkenden Freunden zu gehen, ist der Versuchungsreiz – besonders für rückfallgefährdete Abstinenzler. Wer viele Jahre gemeinsam gefeiert hat, spürt beim Zuschauen schnell den alten Sog.
Ich erinnere mich an einen Mann, den ich 2007 nach seiner Lebertransplantation kennenlernte. Bereitwillig erzählte er, dass jahrelanger Alkoholmissbrauch seine Leber zerstört habe. Die Transplantation sei somit alternativlos und lebensrettend gewesen. Allerdings habe er sich vorher einer eingehenden Prüfung unterziehen müssen, dass er den Alkohol wirklich überwunden habe. Anderenfalls hätte er kein Spenderorgan erhalten. Er habe nun sein Leben radikal geändert.
Davon sei auch sein bisheriges Umfeld nicht verschont geblieben. Wenn er aus dem Haus träte, in dem er wohne, käme er häufig an dem Kiosk in unmittelbarer Nachbarschaft vorbei. Dort stünden seine früheren „Saufkumpanen“ und würden ihn immer wieder lautstark einladen, „doch wieder dazuzukommen“. Doch das wolle er nicht mehr. Denn er habe mit dieser Art von Leuten und Leben abgeschlossen. Die schlichte, aber dennoch konsequente Bestimmtheit, die in seinen Worten lag, imponierte mir. Deshalb ist mir seine Geschichte bis heute in Erinnerung geblieben.
Woran bemisst sich Freundschaft?
Stoßen im Rahmen von Freundschaft Alkoholzuspruch und Alkoholverzicht aufeinander, kann also eine durchaus facettenreiche Dynamik entstehen. Natürlich kann man sich angesichts dessen fragen, wie echt eine Freundschaft war oder ist, wenn sie so etwas nicht aushält. Dies führt zwangsläufig zu der weiteren Frage, woran sich Freundschaft überhaupt bemisst. Ist es gegenseitige Sympathie oder gar Zuneigung? Ist es Verwandtschaft in Seele, Geist, Charakter und/oder Herz? Ist es Verbundenheit, die aus dem gemeinsamen Durchleben von Kindheit, Jugend oder anderweitig prägenden Phasen entstanden ist? Oder ist es das Nachgehen von gemeinsamen Interessen, Leidenschaften, Hobbys oder sonstigen Aktivitäten?
Auch die gegenseitige Erwartungshaltung spielt sicher eine große Rolle: füreinander da sein, wenn Not an der Frau oder am Mann ist, sich gegenseitig bei wichtigen Anliegen unterstützen, sich einander anvertrauen und Dinge bereden können, über die man mit anderen nicht sprechen kann, Rat einholen können – letztlich ist es wohl von allem etwas und sicher noch mehr. Denn ich will hier erst gar nicht versuchen, auf Vollständigkeit abzuzielen.
Können sich Alkoholzuspruch und -verzicht miteinander vertragen?
Wichtiger scheint mir stattdessen die Frage, wie sich Alkoholzuspruch und Alkoholverzicht in den hier skizzierten Rahmen von Freundschaft einordnen lassen. Darf man in diesem zweifelslohne nicht spannungsfreien Kontext zum Beispiel voneinander erwarten, sich so zu nehmen, wie man ist? Darf man Toleranz und Begleitung bei persönlichen Entwicklungen und Veränderungen voraussetzen – vor allem, wenn sie den Lebensstil und hier ganz besonders den Umgang mit Alkohol betreffen? Darf man in dieser Hinsicht vielleicht sogar aktive Unterstützung erbitten? Ich finde schon, dass man all dies darf. Mit dieser Auffassung stehe ich weder allein, noch ist sie neu. Schon Aristoteles erkannte: „Freundschaft besteht darin, dass man einander Gutes will.“ (Aristoteles. Nikomachische Ethik, Buch VIII (insbesondere Kapitel 3).
Menschen zu finden, die mit einem fröhlich-unbeschwerte Momente teilen, ist nicht schwer. Wenn aber herausfordernder und mühebereitender Support nottut, wird es deutlich schwieriger. Und genau hier fängt in meinen Augen Freundschaft an. Alles andere sind Komfortzonenbegleiter/innen.
Veränderung gelingt selten allein!
Warum reite ich auf diesem Aspekt so herum? Nun, weil er wichtig ist. Dies weiß ich aufgrund meiner Schreibtätigkeit für die gesetzliche Krankenversicherung. So verfasse ich unter anderem Informationsbroschüren für chronisch kranke Menschen im Rahmen der vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossenen Disease-Management-Programme (DMP). In den strikt wissenschaftlich begründeten Richtlinien wird immer wieder hervorgehoben, wie bedeutsam der Aspekt der Unterstützung durch das soziale Umfeld ist. Ein Kommentar unter einem Facebook-Post von LIFESPRING teilt diese Auffassung: „Ohne intakte Familie und einen guten Freundeskreis hat man keine Chance, aus diesem Teufelskreis rauszukommen.“ [Anmerkung von mir: Mit „Teufelskreis“ sind Sucht und Abhängigkeit gemeint.]
Bestätigung findet dies auch in den Worten einflussreicher Psychologen des 20. Jahrhunderts. Albert Bandura betont zum Beispiel in seiner sozialkognitiven Lerntheorie: „Veränderung gelingt selten allein.“ (Bandura, A. (1986). Social Foundations of Thought and Action: A Social Cognitive Theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice‑Hall).
Dauerhafter Alkoholverzicht – ein Prüfstein für Freundschaft
Was bedeutet das nun für diejenigen, die, egal aus welchen Gründen, vor der Entscheidung stehen, dem Alkohol zu entsagen? – Nun, auf jeden Fall sollte man sich darüber im Klaren sein, dass dies mehr Konsequenzen nach sich zieht, als bloß den Alkohol wegzulassen. So kann dauerhafter Alkoholverzicht unter anderem durchaus zum Prüfstein für Freundschaften werden.
Dies spiegelt sich auch in Erfahrungsberichten von denen wider, die diese Entscheidung bereits gefällt haben und seit längerem leben. Als ich letztes Jahr im Mai ein längeres Interview mit Heiko, einem ehemaligen Patienten von LIFESPRING, führte, kam das Thema „Freunde“ ebenfalls zur Sprache. Ich fragte Heiko, was für ihn die größten Herausforderungen beim Festigen seiner Alkoholabstinenz gewesen seien. Darauf antwortete er, dass es für ihn besonders alkoholaffine Feierlichkeiten gewesen seien. Diese habe er daher gemieden. Mittlerweile könne er damit sehr gut umgehen. Dabei habe ihm sehr geholfen, dass er Freunde in seinem Umfeld habe, die ebenfalls keinen Alkohol tränken. Wortwörtlich fährt er fort:
„Aber es war ein langer Weg, dieses Umfeld erstmal neu zu gestalten. Also meine alten Freunde, mit denen ich früher auch Partys gemacht habe, zum FC gegangen bin oder Karneval gefeiert habe, die habe ich zum größten Teil verlassen.“
Alkoholfreies Leben: Neue Türen öffnen sich
Es zeigt sich also: Wenn man sich für eine alkoholfreie Zukunft entscheidet, können sich manche Türen schließen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit man dies überhaupt als Verlust empfindet. Denn wenn es in einer Freundschaft nicht mehr genügend Gemeinsamkeiten gibt, driften die Wege oft ganz automatisch auseinander. Im Gegenzug können sich aber andere Türen weiter oder neu öffnen.
So habe ich es auch selbst erlebt. Als ich mich am 24. Oktober 2014 vom Alkohol verabschiedete, habe ich meinem Karnevalsverein und den damit verbundenen Freundschaften noch 11 Jahre die Treue gehalten. Doch im Laufe der Zeit merkte ich, wie mein Zugehörigkeitsgefühl zunehmend schwand. Meine Abstinenz wurde zwar respektiert. Aber das einst Gemeinsame und Verbindende war auf eine subtile Art dahin. Das wollte ich lange nicht wahrhaben. Doch dann habe ich im letzten Jahr eingesehen, dass mein Lebensabschnitt mit der Nippeser Bürgerwehr unwiderruflich auslief. Mittlerweile bin ich ausgetreten.
Ich blicke auf die Zeit dankbar zurück. Denn ich habe dort nach meiner ersten überstandenen Krebserkrankung glückliche und unbeschwerte Stunden erlebt. Doch nun setze ich andere Prioritäten. Hierzu zählt zum Beispiel eine neu gewonnene Freundschaft: Seit Juli 2025 teilt eine dreijährige Golden-Retriever-Hündin mein alkoholfreies Leben. Das, was sie mir täglich gibt, hinterlässt weder einen Kater noch Reue. Genau das ist etwas, was ich nie geschafft habe, als der Alkohol noch mein bester Freund war.
Wer also wie ich, Heiko oder andere ein alkoholfreies Leben wählt, sollte keine Angst vor Abschieden haben. Diese kommen so oder so. Mich aber mit nüchternem Kopf in neue „Lebens(t)räume“ vorzuwagen – das ist etwas, was ich nicht mehr missen möchte.