Wenn Medikamente abhängig machen
Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen mit einem zumindest problematischen Medikamentenkonsum gibt. Laut Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten gelten 1,8 Millionen Erwachsene davon als abhängig. Das sind stattliche Zahlen. Denn die „Sucht auf Rezept“ rangiert damit an zweiter Stelle – zwar hinter Tabak, aber bemerkenswerterweise noch vor Alkohol. Besonders alarmierend ist dabei, dass die jüngste Entwicklung in diesem Bereich einen rasanten Trend nach oben verzeichnet.
Verantwortlich sind hierfür vor allem moderne Schmerz- (Opioid-Analgetika), Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine). Denn leider weisen sie – selbst bei bestimmungsgemäßem Gebrauch – ein enormes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial auf. Gründe, neben akuten Indikationen auch dauerhaft und nicht bestimmungsgemäß zu solchen Substanzen zu greifen, gibt es viele: Reizüberflutung, Überforderung und Stress, Lebensfrust und Tristesse, Einflüsse der modernen Popkultur oder zu verordnungsfreudige Hausärzte/-innen sind nur einige der hier in Betracht kommenden Faktoren.
Dass Öffentlichkeit und Politik dieser geradezu desaströsen Entwicklung zu wenig bis gar keine Beachtung schenken, gibt weiteren Anlass zur Sorge. Es wird also höchste Zeit, verstärkt auf die hiermit verbundenen Probleme aufmerksam zu machen.
Böse Hausärzte, böse Pharmaindustrie – ist das so?
Der Hausarzt als Dealer – Übertreibung oder Realität?
„Wofür es ein Rezept gibt,
kann so falsch nicht sein.
Es sind keine Drogen,
wenn sie dir jemand verschreibt.
Wenn der Dealer ’n Kittel trägt
sind wir keine Junkies, sondern Patienten.
Wenn der Dealer ’n Kittel trägt,
sind wir alle in sehr guten Händen.“
Wow, ganz schön gewagt, was hier steht: Drogen auf Rezept, der Arzt als Dealer und der Junkie, der so zum Patienten wird. Wer schreibt so etwas? Und warum tut er dies? Und vor allem: Ist das eher eine verworrene Fiktion oder Realität?
Die erstgenannte Frage ist leicht zu beantworten. Geschrieben hat die Zeilen T-Low. Sie stammen aus seinem Song „Es tut wieder weh“ aus dem Jahr 2019. T-Low ist Deutschrapper und mit 230.000 Followern auf Instagram und 2,3 Millionen Hörern auf Deutschlands größter Streamingplattform einer der Stars der Szene. Und er ist – trotz seiner erst 24 Jahre – bereits seit sieben Jahren medikamentenabhängig. Er weiß also, wovon er singt.
Bestätigung findet das, was T-Low in seinem Song wiedergibt, durchaus auch von fachlicher Seite. In einer Folge der vierteiligen ZDF-Doku „Drogen-Land – Provinz im Rausch“ mit dem Titel „Pillen in der Westpfalz“ stellt der Psychiater und Suchtmediziner Dominikus Bönsch fest: „Die meisten Opiate werden dummerweise verordnet von den Hausärzten, wo der Hausarzt eher Dealer als Arzt ist.“ Bönsch ist ärztlicher Direktor einer großen psychiatrischen Fachklinik (BZK Lohr). Er weiß also auch, wovon er spricht. Doch warum der Vorwurf des Dealers? Nun, weil Opiate nach der Aussage von Bönsch überhaupt keine Funktion hätten bei „Wald- und Wiesenschmerzen“. Als Beispiel nennt er normale und gängige Rücken-, Hüft-, Knie- oder Kopfschmerzen.
Die Ursachen für dieses Verordnungsverhalten seien zum einen der „wunderheilsame“ Behandlungserfolg. Denn mit nichts würde man sich, so Bönsch weiter, seine Patientenschaft aufgrund der hohen Wirksamkeit schneller zum Freund machen als mit Opioiden und Benzodiazepinen. Zum anderen sei die nur nach Gewinn strebende Pharmaindustrie verantwortlich. Sie übten mit ihrem Heer von rund 15.000 Pharmareferenten, fast täglichen Besuchen und rein interessengeleiteten Fachvorträgen massiv Einfluss aus. Zudem versprächen sie finanzielles Zubrot und Protektion.
Kriminalisierung eines ganzen Berufsstands gerechtfertigt?
Ich will die rein fachärztliche Expertise von Bönsch keinesfalls anzweifeln. Dennoch stoße ich mich in mehrfacher Hinsicht an dem Bild, welches hier gezeichnet wird. Der Vorwurf eines dealerhaften Gebarens kriminalisiert einen ganzen Berufsstand und wiegt schwer. Dafür braucht es schon sehr stichhaltige Beweise. Und genau die vermisse ich. Zwar ist es in der Tat so, dass Allgemeinmediziner/-innen laut Arzneiverordnungsreport des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) die mit Abstand meisten Opiatrezepte (73 Prozent) und Benzodiazepinrezepte (72 Prozent) verantworten. Doch in einem hausarztzentrierten Gesundheitssystem sind sie nun mal in allen Krankheitsbelangen die ersten Ansprechpartner/-innen für Patienten/‑innen. Durch meine jahrzehntelange Arbeit für die Krankenversicherung weiß ich, dass das auch ausdrücklich so gewollt ist und entsprechend forciert wird.
Opiate und Benzos – wirklich die Cash-Cow der Pharmaindustrie?
Dass nun gerade Opiate und Benzodiazepine im kommerziellen Fokus der Pharmaindustrie stehen sollen, verkennt die aktuellen Marktgegebenheiten. Sicher war das mal so, vor allem in den USA. Doch hierzulande sind längst die meisten klassischen Opioide (Morphin, Oxycodon, Fentanyl) und Benzodiazepine (Diazepam, Alprazolam) bereits seit Jahren off-patent. Stattdessen dominieren Generikahersteller mit einem Anteil von über 90 Prozent bei den Opioiden und über 80 Prozent bei den Benzodiazepinen den Markt mit günstigen Nachahmerpräparaten. Gerade die hohen regulatorischen Hürden, wie etwa das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), führen dazu, dass es hier so gut wie keine Neuentwicklungen mehr gibt. Von daher werden solche Arzneimittel fast gar nicht, und wenn ja, nur am Rande bei den Ärzten besprochen. Das bestätigt auch meine Frau, die seit 30 Jahren selbst Pharmareferentin ist. Und es erscheint mir so auch mehr als plausibel. Denn die Cash-Cow der Pharmaindustrie sind heutzutage ganz klar Biologika (monoklonale Antikörper, wie zum Beispiel Adalimumab), mRNA-Impfstoffe sowie Antikoagulanzien (Gerinnungshemmer, z. B. Eliquis) und antivirale Kombinationspräparate.
Was ist mit der Eigenverantwortlichkeit?
Dessen ungeachtet wird es sicher den ein oder anderen Hausarzt geben, dem beim Verschreiben von Opioiden und Benzodiazepinen der Rezeptblock zu locker sitzt. Doch schwarze Schafe gibt es überall. Ein Erklärungsansatz, der aber nur nach dem Motto verfährt „die bösen Hausärzte, die bösen Pharmareferenten und die böse Pharmaindustrie“, ist mir zu einseitig gestrickt. Vor allem aber lässt er einen ganz wesentlichen Punkt außen vor. Denn hinter jeder Einnahme solcher Medikamente steht eine eigenverantwortliche Entscheidung – und zwar der Person, die sie einnimmt.
Beispiele aus dem wahren Leben
T-Low (24 J.)
Mittelstadttristesse in Itzehoe und Angststörung infolge einer Prügelattacke waren – mit gerade einmal 16 Jahren – die Initialzündung für T-Lows Entscheidung. So berichtet er es in der bereits erwähnten ZDF-Sendung „Pillen in der Westpfalz“. Seine Eigenrecherche legte ihm nahe, was gegen Panik hilft: Diazepam. Das fand er im Medikamentenschrank der Mama, die in der Altenpflege arbeitete und somit leichten Zugang zu Sedativa hatte. Es war sein Einstieg in die Tablettenabhängigkeit.
Brian (25 J.)
Brian, ein weiterer Interviewpartner in „Pillen in der Westpfalz“, führt ebenfalls die Trostlosigkeit seines heimatlichen Milieus an. Hier ist es Pirmasens. Mit Gewaltdelikten versuchen er und seine Kumpanen, mehr Abwechslung in ihr als trüb und eintönig empfundenes Dasein zu bringen. Der Alkohol fungiert dabei nach eigenen Worten als Einstiegsdroge. Im Alter von 15 Jahren kommt „Lean“ hinzu, ein Mixgetränk aus Sprite, Bonbons (für die Lila-Färbung) sowie verschreibungspflichtigem Codein-Hustensaft und Promethazin (sedierendes Antiallergikum). Als Brian 18 Jahre ist, bekommt er infolge einer schweren Knie-OP das Opioid Tilidin (starkes Schmerzmittel) auf Rezept. Er bleibt dabei, auch weil sein Fußballtraum als Profi beim FK Pirmasens durch das lädierte Knie platzt. Der Versuch, kalt zu entziehen, führt ihn schließlich in die Depression sowie in die Abhängigkeit von Benzodiazepinen.
Deffi (25 J.)
Ebenfalls zu Wort kommt in der besagten ZDF-Doku ein unter dem Decknamen „Deffi“ auftretender junger Mann von Mitte 20. Er will anonym bleiben, ist wie Brian in der Westpfalz ansässig und zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung (11.11.2024) seit vier Jahren medikamentenabhängig. Angefangen hat es bei ihm während Feiern und Raves mit Speed, Ecstasy und MDMA (Amphetaminderivat). Die dadurch bedingten „Come downs“ wurden immer heftiger und waren schließlich kaum mehr zu ertragen. Auf einer Party steckte ihm jemand Benzos zu. Die halfen so gut, dass das sein „Go-to-drug“-Weg war.
Caro (29 J.)
Die Geschichte von Caro (Deckname, will ebenfalls anonym bleiben) steht genauso für viele, die über Rezept in die Abhängigkeit gleiten. Sie ist Ende 20, auch in der Pfalz zuhause und komplettiert das Quartett der jungen medikamentenabhängigen Protagonisten in „Pillen in der Pfalz“. Es fange alles erst mit Spaß an, man rede es sich gut, solange man seinen „Alltagsscheiß“ hinbekomme, so Caro. Aber irgendwann komme man aus dieser Schiene nicht mehr heraus. Sie konsumiert 80 g Oxycodon, ein semisynthetisches Opioid-Analgetikum mit hohem Suchtpotenzial, das ärztlich zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt wird. Für einen Anfänger sind 80 g lebensgefährlich. Man arbeite sich aber langsam hoch und entwickle eine Toleranz, so Caro weiter.
Welche „alternativen“ Erwerbskanäle gibt es?
Shoppen wie auf Amazon
Gründe, Anlässe und Gelegenheiten, regelmäßig und missbräuchlich zu verschreibungspflichtigen Tabletten zu greifen, gibt es viele. Die hier vorgestellten Beispiele aus dem wahren Leben haben einige davon anschaulich wiedergegeben. Und wenn der angestammte Hausarzt bzw. die angestammte Hausärztin alsbald misstrauisch wird, betreibt man Arzt-Hopping oder sucht sich „alternative“ Erwerbskanäle. Laut T-Low funktioniert letzteres genauso einfach wie, wenn man auf Amazon shoppen will. Man öffne eine App auf dem Handy und habe ein „dickes Kaufmenü“ mit den verschiedensten eigentlich rezeptpflichtigen Medikamenten. Ihre Herkunft erklärt sich durch Diebstahl aus Kliniken oder Praxen, Verschreibungen für unnötige Behandlungen oder gefälschte Rezepte. Verkauft und geliefert werden daher fast nur Originalverpackungen.
Ein Telegram-Dealer berichtet
Die Redaktion der hier bereits mehrfach angeführten ZDF-Doku befragt dazu einen Telegram-Dealer, der selbstverständlich ebenfalls unerkannt bleiben will. Er erklärt den Zuschauern/-innen, dass der Markt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ausgesprochen lukrativ sei. Denn wenn man seine Arbeit gut mache, kämen die Kunden sehr oft und schnell wieder. Entsprechend steige die Nachfrage, und der Postversand „aus und nach“ erstrecke sich mittlerweile über ganz Europa.
Welche Erfahrungen macht der Zoll?
Die Pressesprecherin des Hauptzollamtes Frankfurt, Christine Straß, bestätigt das. Über die Jahre habe der Zoll am Frankfurter Flughafen festgestellt, dass sehr viele illegale Medikamente im Internet bestellt und per Postpaket angeliefert würden. Die Anbahnung geschehe über soziale Mediakontakte. Das Phänomen habe sich in den letzten Jahren so stark verbreitet, dass das Hauptzollamt mittlerweile eine eigene Abteilung betreibe. Diese mache nichts anderes, als Drogen sicherzustellen. Dass sich dieser Aufwand lohnt, zeigen die folgenden Zahlen. So gab es im Jahr 2022 zum Beispiel bei Tabletten wie Amphetaminen, Ecstasy und Opioiden 96.693 Beschlagnahmungen. 2023 waren es – nur an Opioiden! – bereits 483.101.
Was sagt die Statistik?
Jahresstatistik der professionellen Suchthilfe
In der Jahresstatistik 2023 der professionellen Suchthilfe schaffen es Opioide im ambulanten Bereich unter insgesamt 14 Hauptdiagnosen aufs „Treppchen“ – und zwar mit 8,9 % hinter Alkohol (50,3 %) und Cannabinoiden (18,1 %) auf Platz drei. Im stationären Sektor belegen Opioide immerhin noch Rang sechs. Sedativa/Hypnotika, zu denen auch Benzodiazepine gehören, kommen in beiden Bereichen mit ca. 1 % allerdings eher unter ferner liefen. Was mir hier bei den Opioiden fehlt, ist eine Differenzierung zwischen Straßendrogen wie Heroin und verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln. Zudem spiegeln diese Zahlen nicht annähernd die Gesamtdimension des Problems der Sucht auf Rezept wider.
Zahlen des epidemiologischen Suchtsurveys
Nicht umsonst weist das Bundesgesundheitsministerium (BMG) darauf hin, dass die Abhängigkeit von Medikamenten oder zumindest ihre problematische Einnahme in Deutschland weit verbreitet sei. Schätzungen legten nahe, dass bei 2,9 Millionen Menschen ein problematischer Medikamentenkonsum vorliege. Laut Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten sind 1,8 Millionen Erwachsene davon als medikamentenabhängig zu bezeichnen. Das nachfolgende Diagramm stammt aus derselben Quelle:
Die Zahlen basieren auf Hochrechnungen aus den Erhebungen des Epidemiologischen Suchtsurveys des Jahres 2018 (ESA 2018) sowie des Glücksspielsurveys 2021.
Bei den Medikamenten handelt es sich primär um solche mit erhöhtem Missbrauchs- und Suchtpotenzial, wie z. B. Schmerzmittel, Antidepressiva oder Schlaf- und Beruhigungsmittel. Dass auf diese Weise unterschiedliche Wirkstoffklassen und Indikationen in einen Topf geworfen werden, stellt in meinen Augen ein durchaus gravierendes Manko dar. Hier würde ich mir angesichts der Dimension des Problems ähnlich differenzierte Betrachtungen wünschen wie zum Beispiel beim Thema „Alkohol“. Im Abschnitt „Opioide liegen weit vorne“ wird sich noch genauer zeigen, warum das so wichtig ist.
Die Erhebungen der beiden oben genannten Surveys beschränken sich auf Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren. Laut BMG sind vor allem ältere Personen betroffen und Frauen häufiger als Männer. Der Bundesdrogenbeauftragte weist allerdings darauf hin, dass für Jugendliche keine bundesweiten Daten zum Thema Medikamentengebrauch und ‑missbrauch vorlägen. Solange das so ist, erachte ich Vergleiche der Altersgruppen beim Medikamentenmissbrauch als schwierig und mit Vorsicht zu genießen. Das gebe ich auch deshalb zu bedenken, da mein Blogartikel den Blick im Schwerpunkt auf junge Menschen richtet. Das, was hierbei zutage gefördert wird, dürfte in Wahrheit nur die „Spitze des Eisbergs“ sein. Es tut also dringend not, beim Medikamentenmissbrauch künftig ebenso junge Menschen in die Erhebungen mit einzuschließen.
Opioide liegen weit vorn
Vier bis fünf Prozent der in Deutschland verordneten Medikamente besitzen ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotential. Eine große Gruppe bilden hierunter die Opioide. Diese starken Schmerzmittel können selbst bei bestimmungsgemäßem Gebrauch zu einer Abhängigkeit führen. Auch Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine und Z-Drugs) können bereits nach kurzer Anwendungsdauer und bei geringer Einnahmedosis eine Abhängigkeit auslösen.
Wiederholt liest man, dass die Gruppe derjenigen, die ohne Benzodiazepine nicht mehr klarkämen, mit Abstand die größte sei. In der Pillen-Doku des ZDF wird dazu die Zahl von 1,5 Millionen genannt. Dem stehen allerdings die 12-Monats-Prävalenzen des Medikamentenkonsums entgegen, die die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen nennt. Diese gründen auf den Erhebungen des Epidemiologischen Suchtsurveys 2021 (ESA 2021). Ausgangsbasis ist dort die deutsche Wohnbevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren, die mit insgesamt 51.139.451 Personen angegeben wird. Hiervon haben im Jahr 2021 innerhalb von 12 Monaten 2,1 Prozent, also rund 1,07 Millionen Menschen, verschreibungspflichtige Opioid-Analgetika eingenommen. Bei den Benzodiazepinen waren es, bei gleicher Bevölkerungszahl und 12-Monats-Prävalenz, hingegen nur 1,4 Prozent, also 716.000 Menschen. Hiernach liegen Opioide also deutlich vor den Benzodiazepinen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Zahl von angeblich 1,5 Millionen Benzodiazepin-Abhängigen mehr als unwahrscheinlich. Es gibt aber noch andere Gründe, warum ich die diesbezüglichen Zahlen des Epidemiologischen Suchtsurveys für plausibler halte als die der ZDF-Doku „Pillen in der Westpfalz“. Addiert man etwa die im ESA 2021 errechneten 1,07 Millionen Opioid-Konsumenten mit den 716.000 Benzo-Konsumenten zusammen, ist man bereits nah an der bereits vorher genannten Zahl von 1,8 Millionen Medikamentenabhängigen.
Außerdem sind laut ESA 2021 Nicht-Opioid-Schmerzmittel mit 24,2 Millionen Konsumenten die am häufigsten in Anspruch genommene Medikamentengruppe in Deutschland. Die Missbrauchsprävalenz von Nicht-Opioid-Analgetika im Rahmen der Selbstmedikation wird auf 6,4 % (3,2 Millionen Personen) geschätzt. Natürlich muss man zwischen Nicht-Opioid- und Opioid-Analgetika eine klare Linie ziehen. Dennoch zeigt sich im gegenseitigen Kontext von Nicht-Opioid- und Opioid-Analgetika, dass Schmerzmittel ganz generell enorm verbreitet sind und ein hohes Missbrauchspotenzial aufweisen. Auch das spricht dafür, dass die Opioid-Schmerzmittel beim Thema Sucht auf Rezept wohl mit Abstand den größten „Zündstoff“ bergen.
Umso bedenklicher ist es, dass Analysen von Verordnungsdaten einen konstanten Anstieg der Gesamtverordnungen von Opioid-Analgetika über die letzten zehn Jahre zeigen.
Da der Epidemiologische Suchtsurvey leider nur alle sechs Jahre neu herauskommt, wird mit Spannung zu erwarten sein, wie die Zahlen im Suchtsurvey 2027 aussehen werden.
Was treibt die Entwicklung voran?
Angesichts des Umstands, dass von vielfacher Seite eine Zunahme des Medikamentenmissbrauchs, hier vor allem der Opioide, festgestellt wird, stellt sich die Frage: Was treibt diese Entwicklung voran? Sicher, die Entscheidung, missbräuchlich und erst recht just for fun zu Tabletten zu greifen, ist in hohem Maße individuell bedingt. Doch natürlich gibt es auch äußere Faktoren, die die damit in Verbindung stehenden Entscheidungen beeinflussen. Zum Beispiel feiern junge Menschen ihre Idole. So haben wir es damals in den 60er- und 70er-Jahren auch getan. In meiner Generation waren es die Größen des Rocks. Heute sind es die Stars der Rap-Szene. Medikamenten- und Drogenkonsum ist hier ein gängiges Motiv vieler Titel.
Die Deutsch-Rap-Szene: Anstiftung zum Pillenmissbrauch?
T-Low hat mit „Benzo Diaries“ im Jahr 2021 ein ganzes Album diesem Thema gewidmet. Doch er ist bei weitem nicht der Einzige. Die Liste der „Kollegahs“, die es ihm gleichtun, ist lang. Yung Hurn singt in „Eisblock“ (2018) über „tausend Benzos“ und den Wunsch, dann einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Hayiti hat in „Was noch?“ (2021) die „Taschen voller Xanny-Pacs“ (Xanax, ein geläufiges Benzodiazepin) oder ist „noch auf Tille“ (Tilidin, siehe oben bei der Vorstellung von „Brian“). Einen bunten Reigen durch alles, was in der Szene angesagt ist, bietet der Song „Toseina“ (2022) von Gola Gianni. Er singt unter anderem von „Tossi in Sprite“ (Lean), der dritten „Oxy“ (Oxycodon), so vielen „Xans“, „sponsored by Pfizer“ (Xanax) und „Perky“ (Percocet = Oxycodon + Paracetamol).
Angesichts solcher Inhalte wundert es nicht, wenn die Urheber dieser Zeilen sich den Vorwurf der Anstiftung zum Medikamentenmissbrauch anhören müssen. Brian, einer der mehrfach erwähnten Protagonisten von „Pillen in der Westpfalz“, ist hin- und hergerissen. Einerseits sieht er in den Liedtexten eine gewisse Glorifizierung. Man höre das und wolle es austesten. Andererseits nimmt er die dahinterstehenden Künstler/-innen aber auch in Schutz: „Vielleicht tut man ihnen damit Unrecht, denn sie sind selbst süchtig und erzählen nur von ihrem Leben.“
Deffi, ein ebenfalls schon genannter Leidensgenosse von Brian, sieht das Ganze kritischer. Er findet schon, dass es problematisch sei, wie alles zur Schau gestellt werde. Auch wenn die ganze Scheiße vom letzten Albtraum in „Benzo Diaries“ von T-Low durchaus geschildert werde – die Message bleibe: Drogen, Drogen, Drogen. Jedes Video mit Double Cup, Xenis und Sprite. Das wollten die Leute dann nachmachen, weil sie sich so ihren Idolen näher fühlten.
T-Low gibt im Übrigen zu: „Da kann ich mich nicht rausreden. Es gibt sicher Kids da draußen, die wegen mir Suchtprobleme haben.“ Er selbst sei im Übrigen auch durch Musiker beeinflusst worden. Dass Hustensaft high mache, habe er nur dadurch erfahren.
Jugendsünde oder Spiegel der Gesellschaft?
Die vorangehend dargelegten Umstände könnten zu dem Schluss verleiten, die Rapper-Szene sei am rasanten Zuwachs von Opioid- und Benzo-Missbrauch in Deutschland schuld. Doch das wäre voreilig. So sei zum Beispiel daran erinnert, dass die Namensliste von Musikern mit einem Hang zu Tabletten lang ist. Avicii († 2018), Kurt Cobain († 1994), Jimi Hendrix († 1970), Michael Jackson († 2009), Janis Joplin († 1970), Whitney Houston († 2012), Jim Morrison († 1971) oder Prince († 2016) sind nur einige der hier zu nennenden Künstler/innen. Sie alle mussten ihre Arzneimittelsucht mittelbar oder unmittelbar mit dem Leben bezahlen. Und das berauschende Hustensaft-Getränk „Lean“ war bereits in den 1960er Jahren in der texanischen Bluesszene im Umlauf.
Außerdem ist Medikamentenmissbrauch bei weitem nicht nur unter jungen Menschen verbreitet. Deffi, der über seine eigene Sucht zum Dealer wurde, sagt, sein Kundenkreis sei ein Spiegel der Gesellschaft. Da gebe es welche, die aus Nervosität vor einem Date eine Xanny bräuchten. Aber er beliefere auch den normalen Familienvater Ü40 mit Benzos, weil dieser wahrscheinlich Stress im Alltag habe.
Wie schon weiter oben berichtet, verortet das BMG die Abhängigkeit von Tabletten besonders bei älteren Personen. Bönsch behauptet gar, Opioide und Benzos würden in Alten- und Pflegeheimen wie Smarties verteilt. Ich halte auch diese Aussage von Bönsch für übertrieben und zu einseitig. Aber in einem stimme ich ihm ausdrücklich zu: Der nicht bestimmungsgemäße Konsum von Arzneien ist in Deutschland mittlerweile ein Desaster. Denn es sieht ganz so aus, dass sich das Thema „Sucht auf Rezept“ in bedenklicher Weise durch alle Altersgruppen zieht.
Missbrauchszunahme als Symptom der Überforderung?
Worin sind nun die Gründe für die rapide Zunahme der Sucht auf Rezept zu suchen? Der zu lockere Rezeptblock der Hausärzte/-innen sowie die Deutsch-Rap-Szene mögen einen fördernden Einfluss ausüben. Aber ich habe dargelegt, dass und warum dies nur bedingt eine Rolle spielt. Für ausschlaggebender halt ich da schon das, was Deffi anführt. Deffi analysiert zu viele Reize, die auf einen einprasseln. Handy hier, Anruf da. Die Leute wollten einfach etwas Ruhe bekommen, statt die ganze Zeit zu funktionieren und zu arbeiten. Da merke man erstmal, wie überfordert die heutige Gesellschaft sei und wie sehr sie unter Druck stehe.
Meine eigene „Theorie“
Ich selbst sehe noch zwei weitere gewichtige Ursachen: Zum einen hat sich mit den Benzodiazepinen und den neueren Opioiden die Wirksamkeit von Schmerz- und Beruhigungsmitteln deutlich verbessert. Leider geht dies aber auch mit einem stark erhöhten Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzial einher. Zum anderen haben sich die Möglichkeiten drastisch verändert, diese Mittel abseits der Betäubungsmittelreglementierungen zu erhalten. Die Anbahnung über Messengerdienste, die Bestellabwicklung über Apps und der europaweite Versand per Post machen es allen, die es wollen, viel zu leicht.
Gibt es auch (selbst)kritische Töne?
Eine Welt voller Brüche, Getriebenheit, innerer Zerrissenheit sowie ambivalenter Befindlichkeiten
Bei den Liedtexten, die ich für diesen Blogbeitrag gesichtet habe, merkt man recht schnell: Hier wird keine glückliche, ausgeglichene und in sich selbst ruhende Welt besungen. Ganz im Gegenteil, es ist eine Welt voller Brüche, Getriebenheit, innerer Zerrissenheit sowie ambivalenter Befindlichkeiten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bereits zitierte Liedzeile von Yung Hurns „Eisblock“ (2018), in der er über den Wunsch singt, mithilfe von 1.000 Benzos einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen.
Durchgängig hat man den Eindruck, dass sich hier junge Menschen ausdrücken, die sich unverstanden und als Außenseiter fühlen. Dass dies bei anderen jungen Menschen, die ähnlich empfinden und denken, auf ausgesprochen offene Ohren trifft, erscheint absolut nachvollziehbar. Mehr noch: T-Low und seine Mitstreiter/-innen bringen das Lebensgefühl eines nicht unerheblichen Teils ihrer Generation ganz offensichtlich auf den Punkt und treffen dort den Zahn der Zeit. Denn sonst hätten sie nicht so viel Erfolg.
Dennoch stellt sich die Frage: Ist der hier propagierte Umgang mit Medikamenten der richtige Weg, um in der von Deutsch-Rappern besungenen und von vielen jungen Menschen geteilten Welt zu bestehen? Vielleicht ist es eine dumme Frage, weil der Medikamentenmissbrauch ein konstituierender Bestandteil dieser Welt zu sein scheint. Doch wenn man liest, was T-Low dazu in ebenso schonungslos offenen wie auch erschütternden Worten sagt, gibt sich die Antwort von selbst.
Zwei Jahre des Lebens einfach vergessen!
T-Low gibt sich in seinem Interview durchaus selbstkritisch. Von Scham behaftet gesteht er ein, dass es sich im Nachhinein nicht gut anfühle, wenn er auf der Bühne kaum stehen konnte, weil er voll drauf war. Oder wenn er keine Pillen mehr hatte, ins Krankenhaus ging und rumschrie: „Gib mir was, sonst kippe ich um!“
Hinsichtlich seiner Benzo-Abhängigkeit zieht T-Low das für einen jungen Menschen ausgesprochen traurige Fazit: Sein Gedächtnis sei „am Arsch“ und er habe dadurch zwei Jahre seines Lebens vergessen. Oxycodon bezeichnet er gar als Teufel und Endgegner: Nach dem Aufwachen erstmal kotzen. Alles fühle sich so an, als würde man sterben. Dann ziehe man sich erneut Oxycodon rein, und plötzlich sei man wieder „gesund“. Und wenn man versuche, aufzuhören, habe man sogar im Bett Panikattacken und das Gefühl, der Brustkorb springe einem heraus. Dann könne man an nichts anderes mehr denken, als sich schnell wieder etwas zu besorgen.
T-Low will in seinen Liedtexten authentisch sein, auch in dem, was „scheiße“ ist. Entsprechend thematisiert er die gerade hier geschilderten Schattenseiten seines Lebens ebenfalls im bereits eingangs erwähnten Titel „Es tut wieder weh“:
Bei mir ist ständig besetzt.
Ich drück‘ die Anrufe weg.
Das Licht ist aus, die Fenster sind zu.
Ich liege im Bett.
Es geht mir relativ schlecht.
Aber besser jetzt als zuletzt.
Ich zitter‘ nicht mehr, kein Angstschweiß.
Doch die Angst vor der Angst bleibt.
Drastische Wortwahl – Doch man kann es nicht deutlich genug sagen!
Ich habe es ganz bewusst hier wie auch weiter oben bei T-Lows drastischer Wortwahl belassen. Denn man kann es nicht deutlich genug schildern. Es sind genau die Spätfolgen, an die zu Beginn keiner denkt. Ich selbst habe übrigens auch mal ein Benzodiazepin verschrieben bekommen, und zwar Tavor. Im Beipackzettel stand, man solle es aufgrund des Abhängigkeitspotenzials nicht länger als zwei Wochen nehmen. Daran habe ich mich auch gehalten. Und trotzdem litt ich nach dem Absetzen über einige Zeit genauso wie T-Low an Panikanfällen, die wie aus dem Nichts heraus auftraten.
Da ich ebenso seit rund vier Jahren jemand begleite, der opioidabhängig ist, kenne ich den oben verwendeten Begriff „gesund“ nur zu gut. Es ist ein gängiger Szene-Ausdruck, im Zusammenhang mit dem nächsten Nachschub zu sagen: „Ich mache mich gesund.“ Wie absurd, denn eigentlich ist es ja genau das Gegenteil.
Suchteingeständnis und Entscheidung zum Entzug: zwei schwere Schritte
Auch Deffi räumt ein, dass er die Tabletten nur noch nehme, um keine Entzugserscheinungen zu haben. Und bei Brian war es nachher so, dass er die Tabletten nur noch schluckte, damit er essen und unter Menschen konnte. Dieses Brechen und die Schmerzen infolge des täglichen Entzugs – man lebe erst richtig, wenn man die Tabletten einnehme. Die Tabletten machten allerdings kalt und emotionslos. Man versuche, das zu vertuschen, lege ein Pokerface auf, weil es schwierig sei, zuzugeben, dass man medikamentensüchtig sei. Das sich selbst einzugestehen, sei ein schwererer Schritt.
Brian und T-Low sind diesen Schritt im Übrigen mittlerweile gegangen und haben stationäre Entzugsbehandlungen absolviert. T-Low verkündet, dass er zum Zeitpunkt des Interviews seit 200 Tagen clean sei. Es ist allerdings nicht sein erster Entzug. Brian hat den Entzug von Tilidin kalt gemacht. Denn es sei irgendwann kein Leben mehr gewesen. Eine dreiwöchige Benzodiazepin-Entgiftung ohne Therapie habe er im zweiten Anlauf im städtischen Krankenhaus absolviert. Das sei brutal, aber auch befreiend gewesen. Was sowohl bei T-Low als auch bei Brian bleibt, sind Selbstzweifel, es für immer geschafft zu haben, und die Angst vorm Rückfall. Von einem Suchtmediziner habe ich mal den Spruch gehört: „Schiss in der Hose, gute Prognose.“ Genau das wünsche ich den beiden! Insofern werte ich ihre Selbstzweifel eher als mutmachendes Zeichen.
Was tut die Politik?
Der hier schon mehrfach zitierte Suchtmediziner und Psychiater Bönsch wirft der Politik vor, dass sie viel zu wenig gegen die Medikamentenabhängigkeit in Deutschland unternehme. Auch wenn ich bisher einige seiner Äußerungen kritisch gesehen habe, muss ich ihm in diesem Fall vollkommen recht geben. Denn es kommt leider nicht von ungefähr, dass die Sucht auf Rezept im oben abgebildeten Säulendiagramm an zweiter Stelle und noch vor Alkohol rangiert.
Als Fazit ein Wunschzettel
Ich wünsche mir von der Politik,
- dass sie das Problem zunächst einmal angemessen zur Kenntnis nimmt und sich nicht nur rein ideologisch auf Cannabis kapriziert.
- dass sie sich bei den Prioritäten ihrer Anti-Drogen-Agenda rein sachlich an den tatsächlichen Dringlichkeiten und Ausmaßen der Probleme orientiert.
- dass sie ihren Einfluss geltend macht, aussagekräftigere Zahlen erheben zu lassen. Unter „aussagekräftig“ verstehe ich beim Medikamentenmissbrauch eine Auffächerung nach Wirkstoffklassen und Indikationen. Als besonders wichtig erachte ich außerdem, dass man die Bevölkerungszahlen über die bisherige Beschränkung von 18 bis 64 Jahren hinaus erhebt.
- dass die Politik dafür Sorge trägt, dass die Ermittlungsbehörden stärker die illegalen Beschaffungswege von eigentlich verschreibungspflichtigen Medikamenten in den Fokus rücken und unterbinden.
- dass sie sich deutlich stärker für Aufklärungskampagnen einsetzt. Eine naheliegende Zielgruppe könnten die Hausärzte/-innen sein. Dies sollte allerdings nicht im Sinne des unterschwelligen Vorwurfs geschehen, sondern vielmehr zur Sensibilisierung für Suchtgefahren bei Medikamenten mit entsprechendem Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial.
Der neue Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Steeg hat in aktuellen Interviews vorgeschlagen, in den Schulen das Thema „Gesundheit“ als neues Unterrichtsfach einzuführen. In diesem Rahmen könnten dann seiner Auffassung nach auch die Bereiche Drogen- und Suchtprävention Platz finden. Ich finde diesen Vorschlag hervorragend. Es wäre genau der richtige Weg, um Menschen in den Anfängen ihrer Biografie ein Gespür für die dort schlummernden Gefahren zu vermitteln.