Macht Alkohol aggressiv?

Macht Alkohol aggressiv?

Macht Alkohol aggressiv? Diese Frage werden wohl viele Menschen spontan bejahen. Entweder haben sie bereits eigene leidige Erfahrungen mit diesem Thema sammeln müssen – zum Beispiel als häusliche Gewalt im Rahmen einer Paarbeziehung. Oder ihre Einschätzung beruht auf Informationen aus medialer Berichterstattung über alkoholbedingte Auseinandersetzungen, Schlägereien, Messerattacken oder ähnlichem. In der Tat ist bei vielen solcher Delikte ein Übermaß an Alkohol bis hin zur akuten „Intoxikation“ (Vergiftung) mit im Spiel. Dies ist durch epidemiologische Studien gut belegt.

Die Kausalität zwischen Alkohol und Aggressivität ist individuell geprägt!

Allein in Deutschland ereignet sich unter Alkoholeinfluss jede dritte Gewalttat, hierunter besonders schwere und gefährliche Körperverletzung. Selbstverletzendes Verhalten ist ebenfalls eine häufige Folge von Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit. Bei Selbsttötungen rangieren diese beiden Faktoren als psychiatrisch diagnostizierte Ursache an zweiter Stelle (hinter Depression als Nr. 1).

Insofern entsteht der Eindruck, dass zwischen Alkohol als Ursache und (Auto-)Aggressivität als Wirkung ein monokausaler und fast schon automatisierter Zusammenhang besteht. Doch so einfach ist es nicht. Aufgrund der Häufigkeit alkoholinduzierter Gewalt haben sich Wissenschaftler und Kliniken mit diesem Zusammenhang eingehend beschäftigt. Die Ergebnisse, die dabei zutage traten, zeichnen ein deutlich differenziertes Bild: Demnach zeigt es sich, dass bei weitem nicht alle alkoholkonsumierenden Menschen zu Gewaltexzessen neigen. Bei Licht betrachtet ist es sogar nur eine Minderheit. Und es spielen bei der aggressionsfördernden Wirkung von Alkohol in hohem Maß individuell geprägte Bedingtheiten eine Rolle. Hierzu zählen zum Beispiel:

  • eine bestimmte Wirkerwartung, wie: Alkohol hat eine anregende, unter Umständen sogar bis zur Angriffslust gesteigerte Wirkung auf mich.
  • einschlägiges soziales Lernen durch gegebenenfalls schon früh miterlebtes Aggressionsverhalten von unter Alkoholeinfluss stehenden Familienmitgliedern und/oder Freunden.
  • die hiermit in Zusammenhang stehende und wahrscheinlich ebenfalls früh erlernte Grundannahme, dass Aggression zum „normalen“ Repertoire sozialer Reaktionen und Verhaltensweisen zählt.
  • persönlichkeits-bedingte Charaktereigenschaften, wie eine stark ausgeprägte Impulsivität, Reiz- und Erregbarkeit, ein Mangel an Empathie, Stresstoleranz, und dem Vermögen, unangenehme Gefühlszustände auszuhalten, sowie ein stetes Verlangen nach dem nächsten „Kick“.

Auch Trinken als Bewältigungsmechanismus und vererbte Veranlagungen gehören hierzu. Ebenfalls ist die Geschlechtszugehörigkeit von Belang. So besteht für Männer ein höheres Risiko als für Frauen, unter Alkoholeinfluss den Aggressionen freien Lauf zu lassen.

Je mehr Alkohol, desto mehr Gewalt – die substanzspezifische Wirkung des Alkohols bei aggressiver Veranlagung

Selbstverständlich trägt die substanzspezifische Wirkung des Alkohols das Ihre hierzu bei. Sein Konsum beeinträchtigt nämlich eine Reihe an kognitiven Fähigkeiten, wie die

  • Selbstregulation
  • Steuerung der Aufmerksamkeit
  • Verarbeitung von Informationen
  • Entscheidungsfindung
  • die Einschätzung der Realität und eigenen Fähigkeiten (Stichwort „Selbstüberschätzung“)

Dies kann zum Beispiel dazu führen, dass ein versehentliches Anrempeln als willentlicher körperlicher Angriff fehlgedeutet wird. Gleichzeitig schränkt die Wirkung des Alkohols die Bedenken gegenüber den Folgen einer ausufernden Reaktion hierauf stark ein. So kommt es dann schnell zu einer fatalen Kettenreaktion. Dabei sprechen einige Studienergebnisse dafür, dass akut hoher Alkoholkonsum aggressives Verhalten (noch) stärker „befeuert“ als chronischer bzw. suchtgesteuerter Konsum. Bereits ein einmaliges Rauschtrinken, welches sich vor allem unter Jugendlichen hoher Beliebtheit erfreut, kann mit einer deutlich erhöhten Gewaltbereitschaft einhergehen. Insgesamt scheint es also so zu sein: Die Schwere der Gewalt korreliert – unter maßgeblicher Berücksichtigung der bereits genannten individuell bedingten Faktoren – vor allem mit dem (akuten) Ausmaß des Alkoholkonsums.

Das Ausbremsen der Vernunft und befeuernde Umgebungsfaktoren

Gestützt wird dieses Fazit auch durch eine Untersuchung von alkoholisierten Probanden mittels MRT-Scan. Sie wiesen in bestimmten Regionen des vorderen, hinter der Stirn liegenden Hirnteils (präfrontaler Cortex) eine verminderte Aktivität auf. Bildhaft ausgedrückt ist dort unsere Stimme der Vernunft angesiedelt. Die verminderte Aktivität wurde demnach als Hinweis darauf gedeutet, dass genau diese Stimme durch die Wirkung des Alkohols ausgebremst wird. Bei Probanden im nüchternen Zustand war dieser Effekt nicht zu beobachten.

Schließlich können auch Umgebungsfaktoren, wie eine durch viele Menschen, dichtes Gedränge und laute Musik hervorgerufene Reizüberflutung einen erhöhten Stresslevel und hieraus resultierende Aggressionsimpulse zusätzlich triggern. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn sich zum Beispiel im Gewühl eines angesagten Clubs beim Verzehr großer Alkoholmengen schnell eine explosive Stimmung zusammenbraut.

Was bringt der Verzicht auf Alkohol?

Wenn Alkohol bei entsprechend veranlagten Menschen und dem Hinzukommen weiterer Merkmale und Trigger das Risiko für aggressive Entgleisungen also deutlich erhöht, stellt sich nun die Frage: Gilt dies auch im Umkehrschluss? Oder anders ausgedrückt: Dämmt der Verzicht auf Alkohol Angriffslust und Gewaltbereitschaft im gleichen Maß ein? Auch hierzu gibt es Studienergebnisse. So hat man untersucht, wie sich eine Entzugsbehandlung auf alkoholbedingtes Aggressionsverhalten auswirkt. Zunächst wurden dafür alkoholabhängige Teilnehmer mit nichtabhängigen Probanden verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass die alkoholabhängigen Patienten vierfach häufiger gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig geworden waren als die nichtabhängigen Mitglieder der Kontrollgruppe. Ein Jahr nach Behandlungsende hatte sich das Verhalten der Patienten, die abstinent bleiben konnten, dem der nicht-abhängigen Kontrollprobanden weitgehend angeglichen. Insofern leistet der Verzicht auf Alkohol offensichtlich einen wesentlichen Beitrag, das überbordende Aggressionspotenzial von hierfür empfänglichen Menschen auf „Normalmaß“ zu bringen.

Kognitive Trainings zur Förderung aggressionshemmender Fähigkeiten

Ergänzend zur klassischen Entzugsbehandlung wird in diesem Zusammenhang auch der Einsatz verschiedener kognitiver Trainings diskutiert. Sie sollen genau die Fähigkeiten verbessern helfen, die durch akuten wie chronischen Alkoholkonsum beeinträchtigt wurden und dadurch die Ausprägung aggressiven Verhaltens begünstigten. Konkret soll durch die Anwendung solcher Komplementärtherapien zum Beispiel folgendes gefördert werden:

  • die Aufnahme und Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen
  • die Merk-, Aufmerksamkeits- und Problemlösungsfähigkeit
  • die soziale Kompetenz und Anwendung alternativer Verhaltensweisen in aggressionsträchtigen Situationen

Inwieweit der Einsatz solcher Trainings aber wirklich eine erfolgversprechende Ergänzung zur klassischen Entzugsbehandlung darstellen kann, muss sich in empirisch validierten Studien erst noch weiter erweisen.

Hilfe im Akutfall

So oder so bedarf es einiger Anstrengung und Zeit, um aggressives Verhalten in den Griff zu bekommen. Die Aufnahme einer qualifizierten Entzugsbehandlung ist aber auf jeden Fall ein erster wichtiger Schritt sein, um diesem Ziel näher zu kommen. Solange dies nicht gelingt, richtet sich die hieraus resultierende Übergriffigkeit und Gewalt sehr häufig gegen die weiblichen Partner von stark alkoholisierten beziehungsweise alkoholabhängigen Männern. Da dem – leider – so ist und es im Akutfall auf schnelle Hilfe ankommt, gibt es hierfür das eigens eingerichtete Hilfetelefon des Bundesförderprogramms „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“.

Alkoholentzug

Vielleicht wissen Sie nur, dass es so nicht weitergeht. Das genügt.

Möglicherweise trinken Sie schon lange zu viel Alkohol und finden es inzwischen unangenehm, was das mit Ihnen macht. Wenn Sie den starken Wunsch verspüren, Ihr Leben zu ändern, unterstützen wir Sie mit Empathie und fachlicher Kompetenz. Der richtige Zeitpunkt, Ihr Leben zu verbessern, ist: immer!

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Oft gestellte Fragen

Persönlichkeits-bedingte Charaktereigenschaften wie eine stark ausgeprägte Impulsivität, Reiz- und Erregbarkeit, ein Mangel an Empathie, Stresstoleranz und dem Vermögen, unangenehme Gefühlszustände auszuhalten, sowie ein stetes Verlangen nach dem nächsten „Kick“ begünstigen alkoholbedingte Aggressionen.

Ja, bereits ein einmaliges Rauschtrinken kann zu einer deutlich erhöhten Gewaltbereitschaft führen, insbesondere bei Jugendlichen.

Der Konsum von Alkohol beeinträchtigt unter anderem die Selbstregulation, die Steuerung der Aufmerksamkeit, die Verarbeitung von Informationen, die Entscheidungsfindung sowie die Einschätzung der Realität und eigenen Fähigkeiten.

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